Ich arbeite in meiner Coaching-Praxis nicht nur mit Familiensystemen, sondern begegne bei der Ressourcenarbeit auch öfters den inneren Eltern sowie inneren Kindern meiner Klienten. Diese können unterstützend und sabotierend zugleich sein. Nicht häufig verfolgen meine Klienten nur ein Ziel: Endlich frei sein von den Verletzungen ihrer Kindheit, das marode Selbstwertgefühl renovieren, die nagenden Selbstzweifel abstellen, Frieden schließen mit dem was mal war, nach den eigenen Maßstäben leben, als freier Mensch neu durchstarten – das wünschen sich viele.

All das zu erreichen ist möglich. Doch dafür müssen wir zunächst einmal Ordnung in unserem Inneren schaffen. Müssen uns mit der Vergangenheit und den Spuren, die sie in uns hinterlassen hat, aussöhnen.

Für diese Arbeit hole ich mir sehr gerne Unterstützung durch, darin gut ausgebildete, Kollegen. Doch warum spreche ich dieses Thema an dieser Stelle überhaupt an?
Aus unseren Kindheitserfahrungen bilden sich Denk-, Gefühls- und Verhaltensmuster, die unser Leben noch als Erwachsene beeinträchtigen. Sie beeinflussen, wie wir zu uns selbst stehen, auf andere zu- und mit ihnen umgehen, welche berufliche Laufbahn wir einschlagen, welches Lebensgefühl uns begleitet, welche Entscheidungen wir treffen, etc.
Da Coaching sich immer auf die Gegenwart und Zukunft konzentriert, benötigt es an dieser Stelle oftmals eine zusätzliche therapeutische Begleitung für die Heilungsprozesse der Vergangenheit. Denn es gilt: Die wichtigsten Menschen in dieser Zeit sind natürlich unsere Eltern. Sie sind die ersten Vorbilder unseres kleinen Universums. Sie zeigen uns, wie man sich in dieser Welt zurechtfindet. Schließlich waren sie lange vor uns da und wissen, wie der Hase läuft. Als Kinder sind wir völlig auf sie angewiesen. Ohne ihre Gunst würden wir nicht lange überleben. Deshalb sind die Prägungen durch unsere Eltern auch so machtvoll.

In den Erfahrungen mit unseren Eltern lernen wir, was wir für ein Mensch sind. “Du bist stinkfaul, räume endlich dein Zimmer auf und mach’ deine Hausaufgaben ordentlich”. Viele Kinder bekommen solche und ähnliche Sätze immer wieder zu hören. Mit der Zeit bilden wir eine eigene Identität um diese Botschaften herum. Dann sind wir eben der- oder diejenige, die “stinkfaul” ist oder “dafür sowieso zu blöd”. Nichts prägt uns mehr als die frühen Jahre unserer Kindheit und Jugend.

Dass Gewalt, Kindesmissbrauch, Vergewaltigung, etc. eine stark traumatisierende Wirkung haben, muss niemandem erklärt werden. Doch es sind nicht immer nur die einmaligen besonders schlimmen Erfahrungen, die ein Trauma hinterlassen können. Francine Shapiro, die Begründerin des EMDR, einer Methode, die sehr erfolgreich in der Traumatherapie eingesetzt wird, unterscheidet beispielsweise Big-T-Traumata und Small-T-Traumata.

Die Big-T-Traumata beschreiben die oben genannten besonders schweren traumatischen Erlebnisse. Small-T-Traumata hingegen beziehen sich auf die zahlreichen seelischen Klein- und Kleinstverletzungen, die wir im Laufe unseres Lebens erleiden. Ihre traumatische Wirkung kommt vor allem durch die häufige Wiederholung solcher und ähnlicher Verletzungen zustande.

Small-T-Traumata sind auch dadurch besonders tückisch, dass jede weitere Wiederholung wie eine Bestätigung des vorangegangenen wirkt. Die Glaubenssätze, die wir um solche Traumata herum bilden, scheinen sich damit immer wieder aufs Neue zu bestätigen. Sie verfestigen sich somit immer mehr. Wir beziehen die Erlebnisse auf uns und bilden eine Identität um sie herum. Schnell kommen wir dann zu dem Schluss, das mit uns wohl etwas nicht stimmt sonst würden wir nicht immer wieder ähnliche Dinge erleben.
Gemeint sind hier wiederholte Beschämungen: der ständige Streit in der Familie, andauernde negative Botschaften unserer Eltern, Abwertungen unserer Person, usw. Wir können uns gegen diese emotionalen Nadelstiche nicht wehren und ihre Wirkung summiert sich auf. Das einzelne Erlebnis mag dabei nicht besonders schlimm sein, in Summe wiegen sie jedoch schwer und prägen unser Selbstbild.

Doch es sind nicht nur die aktiven Handlungen, die uns schaden. Eine andere Kategorie sind die Verlassenheitstraumatisierungen. Das Trauma entsteht hier dadurch, dass nichts getan wurde, als etwas hätte getan werden sollen.

Wenn Eltern ihre Kinder aus Zeitgründen vernachlässigen, sich nicht um sie kümmern, ihre emotionalen Bedürfnisse ignorieren, sie sich selbst überlassen, sie nicht darin begrenzen, die Probleme der Eltern mittragen zu wollen, ihren Kindern nicht das Gefühl gegeben haben, wichtig zu sein, etc. hat dies ebenfalls eine starke Wirkung.
Nach dem Multimind-Konzept (Robert Ornstein 1989, Multimind) ist die menschliche Psyche in einzelne Fragmente aufgeteilt. Die Persönlichkeit eines Menschen setzt sich aus verschiedenen Teilpersönlichkeiten zusammen. Diese haben eigene Wünsche, Bedürfnisse, Ängste, usw. und stehen mit anderen Teilpersönlichkeiten in Beziehung. Sie können aneinander vorbei leben, sich gegenseitig stützen oder miteinander in Konflikt geraten.

Das hat nichts mit einer gespaltenen Persönlichkeit im krankhaften Sinn zu tun. Es geht dabei um ganz natürliche Vorgänge, wie sie in jedem gesunden Menschen vorgehen. Normalerweise bekommen wir von dieser inneren Dynamik jedoch nur die Auswirkungen zu spüren, ohne den Prozess bewusst zu verfolgen.

Unsere Persönlichkeitsteile werden auch durch die Erfahrungen mit unserer Umwelt geprägt. Indem wir das Erleben unserer realen Familie in uns abbilden, erschaffen wir deren lebendes Hologramm in uns: Unsere inneren Eltern.

Zwischen den inneren Eltern und unserem inneren Kind spielt sich die gleiche Beziehungsdynamik ab, wie wir sie früher mit unseren realen Eltern erlebt haben. In uns ist es also noch genau so, wie früher um uns herum. Persönlichkeitsteile entwickeln sich nämlich nur sehr wenig von selbst weiter.
Und sie bleiben relativ unbeeindruckt von äußeren Entwicklungen. Auch wenn sich vielleicht das Verhältnis zu unseren realen Eltern in der Zwischenzeit deutlich verbessert hat, herrschen innerhalb unserer inneren Familie noch dieselben Spannungen wie früher.

Die Aussöhnung mit den inneren Eltern hat mit unseren realen Eltern nichts zu tun. Es ist dabei nicht wichtig, welches Verhältnis wir heute zu ihnen haben. Selbst ob sie noch leben oder bereits von uns gegangen sind, spielt für diese Art der Seelenarbeit keine Rolle, denn wir arbeiten ausschließlich mit dem inneren Bild unserer Eltern. Einem Bild, das wirkt.

Oft liegt der Fall auch andersherum. Dann leiden wir an den emotionalen Verletzungen, die wir durch unsere Handlungen oder Unterlassungen unseren Eltern zugefügt haben. Uns plagen Schuldgefühle. Besonders schlimm kann es werden, wenn die Eltern sterben, ohne dass eine Aussprache stattgefunden hat. Auch hier ist es möglich, mit den inneren Eltern zu arbeiten und ihnen stellvertretend zu sagen, was wir unseren richtigen Eltern nicht mehr sagen konnten. So fällt es uns später leichter, Frieden mit uns selbst zu schließen und uns zu vergeben.

Um Ordnung in unserem Innenleben zu schaffen, müssen wir die verschiedenen Teile unserer Persönlichkeit miteinander aussöhnen und einer gemeinsamen Führung unterstellen. So übernehmen wir wieder die Kontrolle über unser Leben und lassen alte Muster hinter uns. Wir schließen Frieden mit der Vergangenheit, mit unserer Kindheit und unseren inneren Eltern.