Selbstbewusstsein: Mangelndes Selbstwertgefühl verstehen und Selbstvertrauen aufbauen
Extreme Schüchternheit, irrationale Versagensängste, unbegründete Scham- und Schuldgefühle – das sind nur einige Anzeichen, die auf ein niedriges Selbstwertgefühl hindeuten können. Zu wenig Selbstbewusstsein stellt nicht nur eine subjektive Belastung dar, sondern erhöht auch das Risiko, eine psychische Krankheit zu entwickeln. Kleine Übungen für den Alltag können dazu beitragen, das Selbstvertrauen zu verbessern. In schwereren Fällen hilft ein Coach oder ein Psychotherapeut, die Selbstwertprobleme zu bewältigen.

Symptome: Wie äußert sich ein schlechtes Selbstwertgefühl?
Ein niedriges Selbstwertgefühl kann sich auf unterschiedliche Arten zeigen. Äußerlich lassen sich grob zwei verschiedene Typen unterscheiden.

 

Jeder Mensch versucht intuitiv, seinen Selbstwert zu schützen. Gelingt dies nicht, gibt es zwei mögliche Reaktionen:

1. „Ich bin schuld“ (mit Selbstvorwürfen und Scham) und
2. „Die anderen sind schuld“.
Letzteres kann dazu führen, dass eine Person mit geringem Selbstwertgefühl gegenüber anderen aggressiv auftritt und antisoziale Verhaltensweisen zeigt.

Beide Formen des Selbstwertmangels haben gemeinsam, dass die Betroffenen ihre Schwächen stärker wahrnehmen als ihre Stärken (siehe auch Minderwertigkeitskomplexe). In vielen Fällen können sie ihren Erfolg nicht genießen. Eine positive Bestätigung von anderen Personen kann den Selbstwert der Betroffenen sowohl steigern als auch die Aufmerksamkeit auf die tatsächlichen oder vermeintlichen Schwächen lenken.

Welche Variante zutrifft, hängt von der jeweiligen Person ab. Möglich ist auch, dass sich die Reaktion von Situation zu Situation unterscheidet. Der häufig gegebene Ratschlag, sich selbst „einfach gut zuzureden“, ist deshalb in der Praxis oft komplizierter, als es in der Theorie erscheint. Mangelndes Selbstvertrauen, Selbstwert und psychische Gesundheit
Mangelndes Selbstbewusstsein stellt keineswegs ein Luxusproblem dar, sondern kann gravierende Auswirkungen nach sich ziehen. Das Gefühl, nichts zu können, ständig zu versagen oder als Mensch wenig wert zu sein, ist ein Risikofaktor für psychologische Erkrankungen. Mangelndes Selbstvertrauen begünstigt nachweislich die Entstehung von Depressionen und soziale Phobie.

Umgekehrt kann ein niedriges Selbstwertgefühl auch als Folge von psychischen Störungen wie Depressionen, Angst- und Belastungsstörungen vorkommen. Einige Persönlichkeitsstörungen können ebenfalls ein mangelndes Selbstbewusstsein mit sich bringen:

Borderline-Syndrom
abhängige Persönlichkeitsstörung
narzisstische Persönlichkeitsstörung

Ursachen von geringem Selbstbewusstsein
Mangelndes Selbstvertrauen kann viele Gründe und Ursachen haben. Manche Menschen neigen von Natur aus zur Schüchternheit (≠ Introversion), besitzen ein ruhiges Temperament oder verfügen über eine genetische Veranlagung, schneller eine Angststörung zu entwickeln als andere Menschen.
Eine wichtige Quelle für mangelndes Selbstvertrauen sind die Erfahrungen in der Kindheit. In der Eltern-Kind-Beziehung entwickelt das Kind einen Bindungsstil, der oft bis ins Erwachsenenalter bestehen bleibt. Die ersten beiden Lebensjahre sind für den Bindungsstil besonders entscheidend, obwohl die meisten Menschen sich an diese Zeit nicht bewusst erinnern können.

Wenn Eltern ihr Kind zu oft kritisieren und zu wenig loben, kann das Kind einen unrealistischen Maßstab entwickeln, an dem es die eigenen Leistungen misst. Kinder brauchen das Gefühl, von ihren Eltern geliebt zu werden, selbst wenn sie Fehler machen. Diese Grundeinstellung in der Erziehung bezeichnet der Psychologe Carl Rogers als unbedingte positive Wertschätzung. Fehlt diese Wertschätzung, kann ein mangelndes Selbstwertgefühl die Folge sein. Mögliche Gründe für ein mangelndes Selbstwertgefühl sind außerdem (emotionale) Vernachlässigung, Misshandlung und sexueller Missbrauch. Dabei sind nicht nur die Gewalterfahrungen in der Kindheit prägend, sondern auch spätere Erfahrungen im Beruf oder in der Partnerschaft.

Beziehungen und Freundschaften
Zwischenmenschliche Beziehungen nehmen nicht nur bei der Frage nach den Ursachen für geringes Selbstvertrauen eine wichtige Stellung ein – Partner, Freunde, Familienmitglieder und Kollegen spüren auf die eine oder andere Weise auch die Auswirkungen besonders deutlich.
Einige Betroffene sind sehr anhänglich und ordnen sich dem Partner unter. Sie versuchen, alles richtig zu machen, und wollen dem Partner um jeden Preis gefallen. Der Partner kann sich dadurch in die Enge gedrängt fühlen, was häufig Beziehungsprobleme zufolge hat. Einige Partner gewinnen dadurch den Eindruck, der Partner sei nicht mehr er selbst oder habe sich gänzlich verändert. Das schürt bei dem Betroffenen erst Recht die Angst verlassen zu werden. Typischerweise reagiert er mit noch mehr Anpassung, was das Problem wie in einem Teufelskreis verstärkt.

Hilfe bei Selbstwertproblemen
Trotz aller Probleme, die ein niedriges Selbstwertgefühl mit sich bringt, gibt es auch eine gute Nachricht: Mut und Selbstliebe lassen sich erlernen (siehe Beitrag zur Selbstliebe). Nicht jeder Mensch, der unsicher ist und an sich selbst zweifelt, benötigt eine Psychotherapie. Aufgrund des Risikos, das mangelndes Selbstbewusstsein für die psychische Gesundheit darstellt, sollten Betroffene ihr Selbstwertproblem jedoch angehen.
Folgende Tipps für mehr Selbstbewusstsein können dabei helfen:

 

Coach oder Therapeut? – Professionelle Hilfe gegen mangelndes Selbstbewusstsein.

 

Selbstwirksamkeitserwartung und Selbstkonzept
Die Selbstwirksamkeitserwartung ist eine wichtige Grundlage des Selbstwerts. Psychologen bezeichnen damit die Überzeugung, dass die eigenen Handlungen die gewünschten Konsequenzen erzielen. Eine Mutter, die ihr Kind tröstet, rechnet damit, dass sich das Kind anschließend beruhigt – und das Kind erwartet, getröstet zu werden, wenn es sich weinend an die Mutter wendet.

Die Selbstwirksamkeitserwartung muss nicht mit dem tatsächlichen Einfluss übereinstimmen, den eine Person auf andere Menschen oder auf ihre Umwelt hat. Eine starke Überschätzung der eigenen Selbstwirksamkeit kann ebenso problematisch sein wie eine Unterschätzung.
Die Selbstwirksamkeitserwartung und der Selbstwert gehören zu dem Gesamtkonzept, das Sie von sich selbst haben. In diesem Selbstkonzept ist auch das Wissen über Ihre Fähigkeiten und Ihre eigene Biografie gespeichert. Grundlegende Annahmen wie die Selbstwirksamkeitserwartung wiegen dabei schwerer als konkrete Fähigkeiten wie eine gute Leistung im Sport oder im Kopfrechnen. Wenn Sie Ihren eigenen Selbstwert niedrig einschätzen, überschattet diese Annahme gewissermaßen Ihre Fähigkeiten und Erfolge.

Quellen und weiterführende Ressourcen: