Ich möchte Euch in diesem Blogbeitrag ein Thema vorstellen, welches mir sehr am Herzen liegt. Der ursprüngliche Beitrag stammt von Andreas Gauger, der sich ebenfalls sehr intensiv mit dem negativen Mutterkomplex auseinandergesetzt hat. Sein Leben war 2007 auseinandergefallen und dies, weil er seinen EGO-Strategien folgte. Unbewusst wie er war, lag sein Leben zu diesem Zeitpunkt am Boden. Und warum? Weil er damals nicht wusste, was er nun weiß. Genau wie ihm, ist es auch mir ergangen. Und daher lade ich jeden von Euch ein, bewusster zu werden. Denn alle Wunden, die unbewusst in uns schlummern, projizieren wir auf andere Personen. Oftmals auf all jene, die uns Nahe stehen. So treffen Muster & Ego-Strategien aufeinander und Menschen begegnen sich als Objekte. Wahre Begegnung findet nicht statt. Und in Zeiten von Corona treten unbewusste Muster und Ängste ganz besonders gerne zu Tage. Sie führen zu all jenem, was uns gerade als Gesellschaft spaltet, obwohl gerade jetzt eine nie dagewesene Zeit der Heilung und Verbundenheit stattfinden könnte.

Doch kommen wir zum angekündigten Thema: „Dem negativen Mutterkomplex“.

Ursprünglich negative Mutterkomplexe haben die unschöne Tendenz, unsere gesamte Sicht auf das Leben zu beeinflussen. Stehen wir im Bann eines ursprünglich negativen Mutterkomplexes, empfinden wir uns als trauriges, isoliertes Ich in einer kaltherzigen, unfreundlichen Welt, in der es uns nicht möglich ist, das zu bekommen, was wir uns wirklich ersehnen. Dabei ist es zunächst einmal egal, ob wir uns als Frau oder als Mann durchs Leben schlagen.

Es sind übrigens gar nicht immer die aktiv entwertenden, zynischen, bösartigen Mütter, die einen negativen Mutterkomplex bewirken können. Häufig sind es Mütter, die überfordert und hilflos sind. Die in ihren eigenen Themen stecken. Vielleicht in einer Depression. Mütter, die nicht genug Kraft übrig haben, um ihre Kinder wirklich zu sehen.

Ein häufiges Kommunikationsmuster ist das der Schuld und Schuldgefühle. Das kann sehr subtil ablaufen. Manchmal werden auf der Sachebene sogar durchaus neutrale oder aufbauende Dinge gesagt, die jedoch dann nonverbal umgedreht werden. Die Kinder sind dann verwirrt und wissen nicht, auf welche Botschaft sie hören sollen. Die Verbale oder die Nonverbale?

Wenn die Mutter zu ihrem 9-jährigen Sohn sagt “Klar. Geh’ du nur spielen. Ich bleibe dann einfach wieder alleine zuhause. Dein Vater ist ja auch nie da!” und dazu ein Gesicht macht, als wäre jemand gestorben, dann ist auf der Sachebene nichts Schlimmes gesagt worden. Dennoch wird hier auf den anderen Kommunikationskanälen versucht, das Verhalten des Sohnes durch die Induktion von Schuldgefühlen dahingehend zu beeinflussen, dass er mehr zuhause bleibt und sich um die Mutter kümmert, die sich oft allein fühlt.

Auf diese Weise entsteht bei den Betroffenen mit der Zeit ein diffuses Schuldgefühl. Sie lernen, dass sie für die Gefühle anderer Menschen verantwortlich sind und anscheinend auch ein böses Kind. Dabei liegt der Fokus so gut wie nie darauf, dass ein Kind auch eigene Bedürfnisse haben darf, die denen der Mutter durchaus entgegenstehen können. Das Kind wird hier instrumentalisiert. Es soll sich so verhalten, wie es die Mutter braucht. Ansonsten drohen Schuldgefühle und Liebesentzug (so die Liebe denn vorher gezeigt wurde).

Damit verbunden ist häufig ein Gefühl der Hoffnungs- und Machtlosigkeit. Denn irgendwie scheint es nie so wirklich zu gelingen, die Mutter dauerhaft glücklich zu machen. Dieser Umstand trägt dazu bei, dass viele innerlich resignieren und die Welt der zwischenmenschlichen Beziehungen als etwas erleben, wo man „kaum eine Chance“ hat, das Richtige zu tun oder irgendwie wirksam zu sein.

Wenn wir das in verletzte Beziehungsbedürfnisse seitens des Kindes übersetzen, dann haben wir es hier mit dem nicht erfüllten Bedürfnis nach Einflussnahme zu tun.

Durch die Kombination aus dem Gefühl, verantwortlich für die Gefühle und Stimmungen der Mutter zu sein und gleichzeitig kaum positiven Einfluss darauf nehmen zu können, entsteht häufig ein Milieu der tiefen inneren Verunsicherung. Die Welt erscheint feindlich. Nicht unbedingt in einem bedrohlichen Sinne, eher in einem Versagenden. Verunsicherung wird fast immer mit dem Wunsch nach Kontrolle abgewehrt.

Das kann sich auf einen bestimmten Lebensbereich beschränken und beispielsweise zu ausgeprägter Pedanterie führen oder dazu, dass man auch als Chef nichts an die dafür zuständigen Mitarbeiter delegieren kann, sondern nach Möglichkeit alles selbst machen will. Oder es führt zur Kontrolle der eigenen Gefühle und auch zu Eifersucht.

Das Ausmaß kann von leicht bis zwanghaft reichen. Bezeichnend ist auch, dass an der negativ geprägten Beziehung zur Mutter krampfhaft festgehalten wird. Auch dann, wenn weiterhin “nichts zu holen” ist. Es wirkt wie der alternativlose Versuch, sich den Segen und Zuspruch der Mutter irgendwann doch noch zu verdienen.

Das Wort “verdienen” ist hier bezeichnend, denn Liebe und Anerkennung dafür, dass sie einfach da und am Leben sind (wie beim ursprünglich positiven Mutterkomplex) haben sie nie erfahren. Ihnen fehlt das damit verbundene “ozeanische Lebensgefühl”, das sie versuchen, über Leistung zu erreichen. Genau hier liegt jedoch ein Widerspruch, denn wie soll mehr Leistung uns das Gefühl bringen, auch ohne Leistung geliebt, akzeptiert und erwünscht zu sein?

Häufig fehlt auch die Einsicht, dass sie nicht wirklich von Natur aus schuldig und irgendwie nicht okay sind. Es herrscht wenig Bewusstheit darüber, dass die Mutter nicht immer recht hatte und dass sie selbst keine echte Chance hatten. Vielleicht liegt es daran, in Kombination mit dem ausgeprägten Leistungswillen und der damit häufig aus dem Gleichgewicht geratenen Balance zwischen Leistung und Entspannung, dass viele der betroffenen Männer über psychosomatische Beschwerden klagen. Aber das ist erstmal nur eine Theorie.

Wie bereits erwähnt, ist auch hier der Leistungsgedanke einer “vaterkomplexigen” Welt, in die häufig Zuflucht genommen wird, stark ausgeprägt. Trifft dieser Leistungswille dann noch auf Begabung, sind oft große Karrieren drin, die sich von innen her jedoch hohl anfühlen. Es ist eben nie genug. Es wäre immer noch besser gegangen. Am grundsätzlichen Gefühl diffuser Schuld und Unzulänglichkeit ändert meist auch der größte Erfolg nichts. Zumindest nicht nachhaltig.

Darüber hinaus kann in manchen Fällen ein ausgeprägtes Konkurrenzdenken bestehen. Rivalität steht über allem. Es gibt keine zweiten Plätze. Schwarz, weiß. Gewinnen oder verlieren. Wie zwanghaft das Ganze werden kann, wird oft dann deutlich, wenn die Stimmung des Vaters gewaltig kippt, weil der 11-jährige Sohnemann im Minigolf vorne liegt.

Beziehung ist natürlich auch hier ein schwieriger Bereich. Häufig wird das Bild der emotional missbrauchenden Mutter auf die Partnerin übertragen und im Sinne der therapeutischen Weisheit “Wir gehen stets mit unserer verletzten Kinderseele auf Partnersuche” werden dann häufig unbewusst Partnerinnen gewählt, deren späteres Verhalten in der Partnerschaft stark an die eigene Mutter erinnert. Durch die Projektion auf die Partnerin nimmt diese, auf längere Sicht, die von ihr zugedachte Rolle an und bedient so das alte „Kindheit- und Überlebensmuster“, welches vom Partner nicht gewünscht jedoch unbewusst erzeugt wird. Und zwar so lange, bis dieses von ihm geheilt wird.

Das ausgeprägte diffuse Schuldgefühl führt häufig dazu, dass auch schon bei leichter Kritik übertrieben emotional reagiert wird. Alles ist irgendwie “existenziell” aufgeladen und die Betroffenen sind leicht kränkbar. Auf Kränkungen – seien sie real oder eingebildet – wird dann schnell mit Wut reagiert, die sowohl ausagiert werden kann, als auch unterdrückt oder wie bei depressiven Zügen typisch – gegen die eigene Person gewendet. Das muss nicht unbedingt körperlich geschehen. Die wenigsten schlagen sich selbst mit der Faust ins Gesicht. Häufiger sind Substanzmittelmissbrauch, ungesundes Essverhalten, ein riskanter Fahrstil, vor allem aber eine entwertende Haltung im inneren Dialog mit sich selbst.

Hier wird auch deutlich, dass ihr Selbstwertgefühl wenig echte Substanz aufweist. Worte werden auf die Goldwaage gelegt und permanent wird versucht, aus den Worten, Gesten, Gesichtsausdrücken und der Stimme des Gegenübers dessen Stimmung heraus zu deuten. Wen würde es wundern bei der manipulativen Kommunikationsstruktur, die in der Kindheit erlebt wurde.

Beziehung bedeutet auf jeden Fall Arbeit. Man muss viel investieren, machen, tun. Auch hier spiegelt sich das nicht geliebt werden dafür, dass man einfach da ist. Der andere muss immer irgendwie “glücklich” sein oder zumindest gemacht werden. Ist er es einmal nicht, so wird das schnell auf sich selbst bezogen und es keimt die Angst, irgendetwas falsch gemacht zu haben, dass die miese Stimmung der Partnerin oder des Partners verursacht hat. Hier wird natürlich die ursprüngliche Beziehungssituation mit der Mutter der Kindheit reinszeniert. Dies kannte Freud schon und nannte es “Wiederholungszwang”.

Im Sinne des Episodengedächtnisses können natürlich auch Männer mit einem ursprünglich negativen Mutterkomplex ihre Mitmenschen ähnlich entwertend und manipulativ behandeln, wie sie zuvor selbst behandelt wurden. Sollte dies der Fall sein und es gelingt, ihnen dies einfühlsam aufzuzeigen, kann das nach einem anfänglichen Schock zu tieferen Einsichten in die eigene Komplexgeschichte führen und die Bereitschaft erzeugen, sich mit den eigenen charakterlichen Prägungen näher auseinanderzusetzen. Nicht zuletzt, damit die Mitmenschen nicht so unter einem selbst leiden müssen, wie man das früher unter dem Verhalten der Mutter getan hat.

Im Nebensatz sei noch erwähnt, dass natürlich auch beim ursprünglich negativen Mutterkomplex des Mannes Trennungsangst eine Rolle spielt. Da man gelernt hat, dass man immer für die Gefühle anderer verantwortlich ist, ist Trennung oder verlassen werden ja gleichbedeutend damit, es ganz phänomenal vergeigt zu haben und das beinhaltet natürlich eine implizite Aussage über den eigenen Selbstwert. Zumindest wird es so empfunden.

Hier scheint es weniger die typischen Auslöser zu geben. Im Gegensatz zu anderen Elternkomplexen. Viele der Betroffenen kommen erstmalig durch ihre psychosomatischen Beschwerden (die natürlich nicht immer vorhanden sein müssen) mit Therapie und somit auch mit ihrer eigenen Geschichte in Berührung.

Da die Betroffenen sehr viel Entwertung erfahren haben, kann aufrichtige Würdigung ein Gegenmittel sein. Dennoch können sie diese anfangs selten nehmen. Ein kapitaler Fehler wäre es, die eigenen Bewältigungsstrategien (beispielsweise Flucht in die Leistung) schlecht zu machen. Nach dem Motto “Da habe ich ja nur kompensiert!”.

Im Gegenteil. Ohne die gefundenen Bewältigungsstrategien hätte man in vielen Fällen sogar mehr, wenn auch andere Probleme. Sie haben einen Wert und den gilt es zu würdigen. Was nicht bedeutet, dass wir dem eingeschlagenen Pfad exakt so weiter folgen müssen. Einer der wichtigsten Punkte in der Auseinandersetzung mit diesem Komplex ist die auch gefühlte Erkenntnis, dass man eben nicht an allem schuld war und es auch heute nicht für alles verantwortlich ist. Dass man zu viel tragen musste, was Elterliches ist und nicht Kindliches.

Dass man, um einen Begriff aus der psychotherapeutischen Fachsprache zu verwenden, ein “parentifiziertes” Kind ist und war. Das sind Kinder, die früh erwachsen werden und zumindest in Teilen eine stützende Elternfunktion für ihre eigenen Eltern übernehmen mussten, weil diese ihnen zu viel zugemutet haben oder zu tief in ihren eigenen Themen gefangen waren. Sie waren instrumentalisierte Kinder, von denen eine nicht kindgerechte Rolle gefordert wurde.

Hätten sie andere Eltern gehabt, wäre nicht nur ihr Leben anders verlaufen, auch ihr Charakter mit all seinen Schwächen, die ihnen heute zu schaffen machen, hätte sich anders entwickelt. Diese Erkenntnis, dass vieles von dem, was wir uns heute selbst vorwerfen, erst durch diese Zusammenhänge entstanden ist und sich nicht darauf begründet, dass wir von Natur aus schlecht und ungenügend sind, kann heilsam sein.

Zumindest ist sie ein wichtiger Zwischenschritt, denn es ist bedeutend, dass wir dort nicht zulange verharren. Ansonsten laufen wir Gefahr, in einer Ankläger- und Opferrolle stecken zu bleiben, in der wir die Verfehlungen unserer Eltern als Rechtfertigung für unsere eigenen Fehler nutzen. Das kann nicht Sinn und Zweck der Übung sein.

Ohne ihnen damit die Absolution erteilen zu wollen, hatten auch unsere Eltern eigene Eltern, die sicher auch nicht immer alles richtig gemacht haben, usw. Auch dies gehört dazu, innerlich erwachsen zu werden und von einem einseitigen und kindlich verklärten Blick auf die Eltern zu einer umfassenderen, vollständigeren Sicht zu gelangen, die auch den Kontext, in dem die Eltern aufwachsen und agieren mussten, mit einbezieht.

Auch in der schlimmsten Kindheit gab es darüber hinaus den einen oder anderen heilen Bereich. Kleine Lichtblicke, die es ebenfalls in den Fokus zu nehmen gilt. Weg von den Entbehrungen, mehr hin zu den Ressourcen, zu allem, was trägt und stärkt.

Das Wichtigste scheint mir aber, die Situation als Kind einfühlbar zu machen. Selbstempathie mit dem Kind, das man damals war und dem inneren Kind, das man heute noch in sich trägt, zu entwickeln und auf diesem Weg das gesamte Kaleidoskop eigener Gefühle zu würdigen und auch konstruktiv ausdrücken zu lernen. Wir selbst dürfen sein, wie wir sind und auch all unsere Gefühle dürfen sein, wie sie sind.

Auf diese Weise kann sich auch im nicht ganz einfachen Falle eines ursprünglich negativen Mutterkomplexes vieles zum Guten wenden und mit der Zeit ein Gefühl entstehen, von innen heraus okay, erwünscht und schon ganz richtig zu sein. Ich bin, wer ich bin. Mein Leben ist, was es ist. Und das ist gut so.