“Empathie ist eine Art des Zuhörens und des Präsentseins für den anderen, für seine Gefühle und Bedürfnisse, ohne ihn zu etwas bringen zu wollen und ohne Erinnerung an die Vergangenheit.” Marshall B. Rosenberg (Begründer der Gewaltfreien Kommunikation)

Können wir in unseren Beziehungen friedfertig sein, ohne uns selbst völlig in den Hintergrund zu stellen? Lebendig und wahrhaftig, ohne aufzubrausen? Natürlich, aber nicht impulsiv? Gibt es eine Methode, wie wir uns behaupten können, ohne andere zu „überfahren“, wie wir anderen zuhören, ohne uns dabei selbst zu vernachlässigen? Gibt es einen Mittelweg zwischen den beiden Extremen, sich hemmungslos aufzuregen und seinen Ärger hinunterzuschlucken? Der Einstieg in die Gewaltfreie Kommunikation (GFK) ist mit dem Erlernen einer neuen Sprache vergleichbar: Es erfordert Übung und Entschlossenheit. Wir benötigen 21.Tage, um eine Veränderung in unserem Gehirn zu bahnen. Es lohnt sich also dran zu bleiben.

Gewaltfreie Kommunikation-was ist das?

Die GFK ist eine Denk- und Ausdrucksweise, die darauf abzielt, gegenseitiges Verständnis und Respekt in den Austausch einzubringen. Sie hilft jedem, sich wieder mit jenem Teil seiner selbst zu verbinden, der mit dem Herzen verstehen und sich Gehör verschaffen kann, ohne dabei aggressiv zu werden. Wenn ich versuche, diese Art des „In-Beziehung-Tretens“ zu leben und anzuwenden, dann interessiere ich mich nicht nur für das, was dabei herauskommen soll, sondern auch für das, was jeder dabei empfindet. Dadurch ist es möglich, auf andere einzugehen und im Einklang mit seiner Menschlichkeit zu bleiben. So fördere ich eine wohlwollende Einstellung in mir selbst und im anderen. Vertrauen und Freude an der Zusammenarbeit stellen sich daraufhin ganz natürlich von selbst ein, und alle gehen als Gewinner hervor. Indem wir uns mit der GFK vertraut machen, entwickeln wir das Bewusstsein, dass wir nicht gewinnen, wenn wir allein oder auf Kosten anderer gewinnen.

„Gewalt und Verletzungen sind der tragische Ausdruck von nicht befriedigten Bedürfnissen. Sie sind die Manifestation der Ohnmacht und oder der Verzweiflung eines Menschen, der so hilflos ist, dass er meint, seine Worte seinen nicht mehr ausreichend, um sich Gehör zu verschaffen. Also greift es an, schreit, bedroht oder läuft davon! (Gefühlsnavigator als Bedürfnisübersicht)

Lebensentfremdende Kommunikation

Unter lebensentfremdender Kommunikation versteht Rosenberg Formen der Kommunikation, die Verbindungen zwischen Menschen blockieren und zu psychischer oder physischer Gewalt beitragen können. Lebensentfremdende Kommunikation ist gekennzeichnet durch folgende Eigenschaften:

  1. Das (moralische) Urteilen über den Kommunikationspartner. Dazu gehört das Zuschreiben von Eigenschaften an die Person (z. B. „gut/böse“, „gerecht/ungerecht“, „gesund/krank“), auch wenn es implizit als Vermischung von Beobachtung und Bewertung geschieht. Eine Form der impliziten Verurteilung können als Gefühle dargestellte Bewertungen sein, zum Beispiel „ich fühle mich provoziert“. Hier wird der Kommunikationspartner indirekt als Provokateur. Wichtig ist, dass in der GFK Bewertungen nicht abgelehnt werden (ein häufiges Missverständnis). Es wird vielmehr als hilfreich angesehen, Handlungen anderer zwar zu bewerten, aber mit Bezug auf die eigenen Gefühle und Bedürfnisse und nicht mit Bezug auf moralische Kategorien.
  2. Das Anstellen von Vergleichen: Dies ist nach Marshall Rosenberg eine weitere Form von Verurteilung.
  3. Das Leugnen der Verantwortung für eigene Gefühle und Handlungen, wie zum Beispiel in „Ich fühle mich so, weil du mich mies behandelst.“ Oder: „Ich musst das tun, der Chef hat’s angeordnet.“
  4. Das Stellen von Forderungen anstatt von Bitten. Der Unterschied zwischen Bitte und Forderung liegt in der Konsequenz dessen, was passiert, wenn das Gegenüber das Ansinnen ablehnt. Im Falle einer Ablehnung erlaubt die Bitte beim Gegenüber eine flexible Suche nach anderen Möglichkeiten des Entgegenkommens. Bei einer Forderung hingegen drohen Sanktionen. Dies muss nicht immer in Form von offensichtlichen Strafen geschehen, möglich ist auch die Erzeugung von Angst oder Schuldgefühlen beim Gegenüber (z. B. durch Schweigen oder Vorwürfe).

Um das Problem nicht fortzusetzen, wäre der Anspruch aus der Gewaltfreien Kommunikation, einen Menschen, der sich „lebensentfremdender Kommunikation“ bedient, nicht moralisch zu verurteilen. Auch hinter dieser Form der Kommunikation stehen unerfüllte Bedürfnisse, deren Wahrnehmung allerdings schwieriger sein kann.

Die vier Schritte der GFK sind Beobachtung, Gefühl, Bedürfnis, Bitte:

  1. Beobachtung bedeutet, eine konkrete Handlung (oder Unterlassung) zu beschreiben, ohne sie mit einer Bewertung oder Interpretation zu vermischen. Es geht hierbei darum, nicht zu bewerten, sondern die Bewertung von der Beobachtung zu trennen, so dass das Gegenüber Klarheit erhält, worauf man sich bezieht.
  2. Die Beobachtung löst ein Gefühl aus, das im Körper wahrnehmbar ist und mit mehreren oder einem …
  3. Bedürfnis in Verbindung steht. Damit sind allgemeine Qualitäten gemeint, die vermutlich jeder Mensch auf Erden gerne in seinem Leben hätte, wie zum Beispiel Sicherheit, Verständnis, Kontakt oder Sinn. Gefühle sind laut GFK eine Art Indikator bzw. Ausdruck dessen, ob ein Bedürfnis gerade erfüllt ist oder nicht. Für den einfühlsamen Kontakt sind Bedürfnisse sehr wichtig, da sie den Weg zu einer kreativen Lösung weisen, die für alle Beteiligten passt.
  4. Aus dem Bedürfnis geht schließlich eine Bitte um eine konkrete Handlung im Hier und Jetzt hervor. Um sie möglichst erfüllbar zu machen, lassen sich Bitten und Wünsche unterscheiden: Bitten beziehen sich auf Handlungen im Jetzt, Wünsche dagegen sind vager, beziehen sich auf Zustände („sei respektvoll“) oder auf Ereignisse in der Zukunft. Erstere sind leichter zu erfüllen, haben deshalb auch mehr Chancen auf Erfolg. Rosenberg schlägt außerdem vor, Bitten in einer „positiven Handlungssprache“ zu formulieren – d. h. zu sagen, was man will, statt was man nicht will. Man kann unterscheiden zwischen einer Handlungsbitte (beispielsweise darum, die Geschirrspülmaschine auszuräumen) und einer Beziehungsbitte (beispielsweise um eine Beschreibung der eigenen Empfindungen).

Grundmodell der GFK

Rosenberg fasst die Schritte der GFK in folgendem Satz zusammen:

„Wenn ich a sehe, dann fühle ich b, weil ich c brauche. Deshalb möchte ich jetzt gerne d.“

a … Beobachtung; b … Gefühl; c … Bedürfnis; d … Bitte

Dieses Formulierungs-Muster soll dem Sprecher helfen, nicht in die lebensentfremdende Kommunikation zu verfallen, sondern die vier Schritte der GFK anzuwenden und somit leichter eine Verbindung zu seinem Gegenüber aufbauen zu können.

Auch als Haltung für das empathische Zuhören empfiehlt Rosenberg, aus dem, was der andere sagt, diese vier Informationen herauszufiltern, da sie in der Regel das Herz der Botschaft darstellen. Zur Überprüfung, ob seine Deutung stimmt, kann der Zuhörende anbieten, was er in Form der vier Schritte hört („Fühlst du …, weil dir … wichtig ist?“). Das kann auch hilfreich sein, wenn der Sprecher durch dieses Spiegeln selber mehr Klarheit darüber gewinnt, was er eigentlich ausdrücken will. Das ausgesprochene und stille empathische Zuhören ist ein wesentlicher Aspekt der Anwendung von GFK.

Das formale Grundmodell ist nach Rosenberg eine Art Übergangshilfe für die Schulung der Aufmerksamkeit, nicht jedoch ein Ersatz für die Alltagssprache. Man braucht in der Regel erhebliche Übung, bis die GFK in der Alltagssprache zu einer flüssigen Kommunikation wird.

Wenn eine Problemlösung im Gespräch nicht möglich ist und zur Setzung von Grenzen führt, spricht Rosenberg von der schützenden Anwendung von Macht, die er von der strafenden Anwendung unterscheidet. Während letztere den Fokus hat, menschliches Verhalten auf Basis von Selbsthass zu ändern, geht es bei ersterer darum, weitere Verletzungen zu verhindern und für Schutz zu sorgen, aus dem heraus überhaupt erst wieder die Bereitschaft entstehen kann, erneut in Kontakt zu treten

Grenzen der GFK

Nach Rosenberg ist die wichtigste Grenze der GFK die „individuelle Entwicklung“ des Anwenders, die Zeit und Energie braucht. Beispielsweise können bestimmte Bereiche des Lebens sehr mit Angst oder bestimmten Vorstellungen besetzt sein, so dass ein offenes Besprechen der Gefühle und Bedürfnisse sehr viel Mut kosten würde. Wie viel Bereitschaft der Einzelne dazu hat, diesen Mut aufzubringen, hängt dann davon ab, wie er sich und seine Bedürfnisse bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hat, was ein Merkmal genereller Entwicklung des Menschen darstellt. Der Prozess der GFK selbst braucht ebenfalls Zeit und die Bereitschaft eines Gegenübers, diese Zeit zu investieren.

„Jede Sekunde kann ein neuer Aufbruch sein, wenn du es willst. Die Entscheidung liegt bei dir.“ (Christian Bobin)