Ein beachtlicher Teil unseres Gehirns ist wie ein Computer: Programme, Informationen, Daten und so weiter werden auf die Festplatte gespielt und arbeiten nach einer gewissen Zeit im Hintergrund. Wenn ein Programm auf unserem Heim-PC nicht richtig funktioniert, aktualisieren wir die Software. Hängt mal das Betriebssystem, machen wir ganz selbstverständlich einen Neustart. Wenn wir verstehen, dass unser Gehirn ähnlich funktioniert und wir schlechte Gewohnheit oder Verhaltensweisen updaten können, ist auch persönliche Veränderung möglich. Wir sind der aktuellen Version unseres Gehirns nicht machtlos ausgeliefert, sondern können es eben updaten.

Wenn du auf die Welt kommst, wirst du mit einer mehr oder weniger leeren Festplatte mit leistungsstarkem Prozessor geliefert. Das ist dein Gehirn. Funktionen, die dem Überleben dienen (wie Atmung, Verdauung, Reflexe und so weiter), gehören zum voreingestellten Betriebssystem, das im Hintergrund läuft. Es ist Teil des Organismus „Mensch“ und bei jedem gleich. Deswegen wird auch vor deiner Geburt installiert. An überlebenswichtigen Funktionen kannst du nichts verändern, denn sie werden von sehr alten Hirnarealen gesteuert. Trotzdem beeinflussen sie auch heute noch dein Verhalten. Im Laufe der ersten Jahre lernst du wichtige Dinge, die du später mal brauchen wirst: krabbeln, laufen, sprechen, Schuhe binden, schreiben, rechnen…

Du kannst diese Entwicklung mit Programmen vergleichen, die nach und nach auf deine Festplatte gespielt werden. Schlussfolgerungen aus Erfahrungen, die du machst, werden ebenfalls als Daten übertragen. Zum Beispiel: „Wenn ich weine, kommt Mama und tröstet mich.“ Hast du zweimal gemacht, hat funktioniert, also machst du damit weiter.

Das im Hintergrund laufende Betriebssystem, die verschiedenen Programme und die Daten, die jeden Tag auf einer Festplatte gespeichert werden, sind nicht immer kompatibel miteinander. Zum Teil handelt es sich um sehr alte Programme und Daten- und die passen nicht zusammen. Dir wird im Alter von vier oder fünf Jahren beispielsweise beigebracht, dass du dich nicht mehr auf den Boden werfen und wie von Sinnen schreien sollst, wenn du etwas haben willst. Als Kleinkind hat das noch geklappt, jetzt sollst du um alles bitten, was du haben möchtest. Deine Software- also die Praktiken, die du bisher erlernt und angewandt hast- und die neuen Lebensumstände stehen in einem Konflikt zueinander. Es wird demnach eine Weile dauern, bis du höflich fragst, wenn du etwas haben möchtest, und dich nicht auf den Boden legst und brüllst. Leute, die diesen Übergang nicht oder nur teilweise hinbekommen, sind zum Beispiel Choleriker, die ihre Wutausbrüche nicht unter Kontrolle haben, weil sie keine Alternativen als Reaktionsmuster gelernt haben.

Nicht jeder ist ein Choleriker, aber nobody is perfect. Heißt: Du leidest eventuell unter Minderwertigkeitskomplexen oder unter Ängsten, hast Schwierigkeiten, Vertrauen zu fassen oder tiefe, zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen, oder traust dir viel zu wenig zu. Für all diese Eigenschaften gibt es einen Grund, und der liegt fast immer in deiner Vergangenheit. Es handelt sich dabei um Verhaltensmuster und Programmierungen deines Gehirns, die mit großer Wahrscheinlichkeit in deiner Kindheit entstanden sind. Meist sind das Erfahrungen, die du gemacht hast, oder Programme, die deine Eltern durch ihre Erziehung beziehungsweise dein Umfeld bei dir „installiert“ haben. Diese Programme sind zum Teil sehr alt und mit deinen aktuellen Lebensumständen oft nicht mehr kompatibel.

In einer früheren Zeit haben die Programme einen Zweck erfüllt, nämlich dich, deinen Geist und deinen Körper zu beschützen, als du noch ein Kind warst. Manchmal sind die eine Reaktion auf ein Trauma, also eine seelische Verletzung, ausgelöst durch ein einschneidendes Ereignis. Das muss aus heutiger Sicht nicht der Rede wert sein, kann in deinem kindlichen Geist aber eine Prägung ausgelöst haben, die dich bis heute beeinflusst. Auch Fehlinterpretationen, also Falschannahmen, die du als Kind gemacht hast, haben ihren Fußabdruck in deinem Verhalten hinterlassen. Wenn deine Mutter dich zum Beispiel mal viel zu spät vom Kindergarten abgeholt hat, weil das Auto kaputt war, könnte deine Annahme gewesen sein: „Meine Mutter kommt mich nicht abholen. Da ich ohne meine Mutter nicht überleben kann, muss ich höchstwahrscheinlich sterben.“ Aus heutiger Sicht eine irrationale Schlussfolgerung-das Gehirn eines Kindes kann aber genau so funktionieren. Der bleibende Fußabdruck könnte Verlustangst sein: „Ich muss aufpassen, dass meine Mutter oder Menschen, die mir nahestehen, mich nicht mehr allein lassen.“

Jetzt lebst du in einer anderen Zeit-du musst dich nicht mehr wie ein Fünfjähriger verhalten, wenn du dich vergessen fühlst, und die Lösung für einen Konflikt, die du als Zehnjähriger gefunden hast, ist mit großer Wahrscheinlichkeit für dich als erwachsener Mensch nicht mehr sinnvoll. Dein Rechner hat mittlerweile Internetanschluss, Clouds, unendliche Speichermöglichkeiten und vieles, vieles mehr. Heißt: Verglichen mit dem Supercomputer von heute sind deine Programme was für den Commodore 64. Die Anforderungen der modernen Zeit sind vollkommen anderer Natur als vor zweihunderttausend Jahren-ja selbst vor zwanzig Jahren. Das ist in etwa so, als würdest du versuchen, mit einer Steintafel einen Tweet abzusetzen. Ist doch eigentlich klar, dass es da zu massiven Kompatibilitätsproblemen kommt, oder? Deiner Software fehlen ja einige entscheidende Features, wenn sie reibungslos laufen soll.

Bei deinem Rechner machst du von Zeit zu Zeit ein Update, um die Software und die Anwendungen auf den neusten Stand zu bringen-vor allem dann, wenn dein Computer zickt oder Probleme macht. Manchmal geht es gar nicht anders und du musst sogar einen Fachmann beauftragen, der dir dabei hilft, das Problem zu lösen. Du würdest dich doch niemals mit der Fehlfunktion zufriedengeben und einfach hinnehmen, dass dein Rechner „spinnt“ und du nicht richtig arbeiten kannst, oder?

Manchmal handelt es sich auch nur um eine Aktualisierung, die du noch nicht gemacht hast. Du drückst die Benachrichtigung für ein bevorstehendes Update so lange weg, bis das Betriebssystem dich zwingt, die Aktualisierung durchzuführen. Die Aktualisierung ist wie das Auseinandersetzen mit deinem Verhalten und den Gefühlen aus deiner Vergangenheit.

Irgendwann geht es dann nicht mehr. Das Betriebssystem warnt: Jetzt aktualisieren. Und gibt dir auch keine Möglichkeit mehr, einen alternativen Zeitpunkt zu wählen-das ist der Moment, in dem dein Leidensdruck zu hoch wird. Du musst handeln, und zwar sofort, ansonsten bricht das ganze System zusammen und nichts funktioniert mehr. Die Folge ist beispielsweise ein Burn-out.

Du aktualisierst also die Software. Ich weiß, das kann herausfordernd sein, denn erst mal musst du alle Programme und Anwendungen schließen, das Update herunterladen, es ausführen, und dann heißt es warten. Der Balken wandert in kaum zu ertragender Langsamkeit nach oben, dreizehn Prozent, vierundzwanzig Prozent, siebenunddreißig Prozent. Aber auch diese Zeit geht vorbei und siehe da: Danach läuft dein Rechner besser. Du fragst dich: „Warum habe ich das nicht schon vor Wochen gemacht? Anstatt mich immer wieder vom Betriebssystem nerven zu lassen, hätte ich doch einfach diese paar Minuten Zeit investieren können und fortan meine Ruhe gehabt.“ Nein, stattdessen laufen viele unserer Programme auf einer Uralt-Version seit unserer Kindheit, und wir weigern uns, endlich auf den Aktualisieren-Button zu drücken und anzufangen, uns mit uns auseinanderzusetzen.

Zugegeben, das Updaten der mentalen Software im übertragenen Sinn, also die Auseinandersetzung mit den eigenen Bewertungen, Glaubenssätzen, Denkmustern und so weiter, dauert meistens länger als ein paar Minuten. Doch die Wirkung ist enorm! Schon nach der ersten Aktualisierungsrunde verspüren die meisten eine Verbesserung. Für dich heißt das, dass du all das loswerden darfst, was für dich nicht mehr von Bedeutung ist. Dazu können merkwürdige Verhaltensweisen gehören, eine nicht vorhandene oder ausufernde Streitkultur, Probleme mit Mitmenschen, aber auch Ängste, Sorgen, Phobien und Mutter- oder Vaterwunden. Die brauchst du nicht mehr.

Du kannst dich ändern und die beste Version von dir selbst werden, wenn du mentale Grenzen aus der Vergangenheit abbaust, die dich ausbremsen oder aufhalten.

Mit Veränderung meine ich übrigens nicht, dass du deine Persönlichkeit und alles, was dich ausmacht, austauschen sollst. Auch nicht deine Partner oder Freunde. Es geht vielmehr um die automatischen, unbewussten Reaktionen und Verhaltensmuster, die dich daran hindern, die beste Version deiner selbst zu sein. Du gibst dein Wesen nicht auf, wenn du weniger cholerisch, unsicher oder eifersüchtig bist, sondern bringst deinem Unterbewusstsein bei, wie es dich in Zukunft besser unterstützen kann.

Sicher bist du schon einmal auf den Begriff „Glaubenssatz“ gestoßen. Glaubenssätze-auch Überzeugungen, Einstellungen, Meinungen-sind unbewusste Lebensregeln, an die du glaubst und die du für wahr hältst. Sie entstehen aus der Verarbeitung und Bewertung früherer Erlebnisse und bestimmen dein tägliches Verhalten. Sie können lauten: „Ich bin liebenswert, wenn ich mich im Hintergrund halte.“ Oder: „Ich verdiene keinen Erfolg.“ Aber auch: „Ich kann alles im Leben erreichen.“

Glaubenssätze entstehen auf verschiedene Arten. Einmal werden sie von Menschen an uns weitergegeben, die uns prägen, erziehen und nahestehen. Das sind anfangs vor allem unsere Eltern beziehungsweise Personen, die Teil unseres kleinen Universums sind. Sie wollen uns auf das Leben vorbereiten und sagen deswegen allerlei Dinge, die sie für wahr und richtig halten. Zum Beispiel: „Du musst sich immer anpassen.“ Oder: „Man muss hart arbeiten für sein Geld.“ Oder positiver: „Wir sind Macher!“

Du hörst diese Sätze sehr häufig, weshalb du sie dir merkst. Sie wirken besonders intensiv, wenn du sie in deiner Kindheit hörst und mit der Zeit für wahr hältst. In jungen Jahren haben wir nämlich noch kein Bewusstsein dafür entwickelt, Aussagen auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen. Wir glauben uneingeschränkt, was uns gesagt wird. So passiert es, dass Überzeugungen von anderen in dein Denken eindringen und wir oftmals „ohne Update“ genauso werden wie unsere Eltern.