Viele unserer Verhaltensweisen und Eigenschaften werden in unserer Kindheit zumindest ein Stück weit geprägt – auch unsere Art zu lieben. Welche Liebesstile wir unterscheiden und welche frühkindlichen Erfahrungen dahinterstecken, habe ich hier einmal zusammengefasst:

Wie wir Liebe zeigen und kommunizieren, wie wir sie in unserem Leben priorisieren, ja, selbst wie wir Liebe empfinden, ist völlig individuell. So kennen wir etwa die 5 Sprachen der Liebe, Beziehungsrollen wie Nähe versus Distanz, Dominanz versus Unterordnung, die sich in einer Partnerschaft im Idealfall so ergänzen dürfen, dass sich diese die Waage halten.

Ein weiteres spannendes Modell haben die beiden Ehetherapierenden Milan und Kay Yerkovich entwickelt. Dabei unterscheiden sie fünf Liebesstile, die sie jeweils in einem hohen Maße auf bestimmte frühkindliche Prägungen zurückführen. Diese fünf Liebesstile sind:

  • Der*die Gefallsüchtige (“The Pleaser”)
  • Das Opfer (“The Victim”)
  • Der*die Kontrollsüchtige (“The Controller”)
  • Der*die Unentschiedene (“The Vacillator”)
  • Der*die Vermeidende (“The Avoider”)

Was mit dem jeweiligen Liebesstil gemeint ist und auf welche Erfahrungen aus der Kindheit die Yerkovichs sie im einzelnen zurückführen, schauen wir uns nun an.

1. The Pleaser

Pleaser hatten es in ihrer Kindheit typischerweise mit extrem kritischen, aber auch übermäßig beschützenden Eltern zu tun. Als Kinder waren sie stets darum bemüht, brav und “gut” zu sein, alles richtig zu machen und ja keine Last für ihre Familie darzustellen.

Eigenschaften, die aus dieser Konstellation im Erwachsenenalter übrig bleiben können, sind unter anderem übermäßige Angst vor Konflikten, die Unfähigkeit, Nein zu sagen oder für die eigene Meinung und eigene Bedürfnisse einzustehen. Außerdem sind Pleaser generell sehr aufmerksam gegenüber anderen, können ihre Mitmenschen außerordentlich gut lesen und haben einen feinen Sinn für deren Stimmungen und Gefühle. Und genau diese Fähigkeiten nutzen sie, um die Bedürfnisse anderer – vornehmlich der*s Partners*in – zu erfüllen.

Haben Pleaser wiederum das Gefühl, ihre Liebsten zu enttäuschen oder nicht “gut” genug zu sein, kann es passieren, dass sie einfach davonlaufen. Um gesunde und stabile Beziehungen führen zu können, wäre es für Pleaser gut zu lernen, ihre eigenen Gefühle ernst zu nehmen und mit ihrer*m Partner*in zu teilen, anstatt stets zu tun, was von ihnen erwartet wird.

2. The Victim

Mit dem Victim assoziert das Yerkovich-Paar Menschen, die in einem besonders chaotischen Zuhause aufgewachsen sind, unter Umständen aggressiven oder sogar gewalttätigen Eltern ausgeliefert waren. Als Kinder haben sie gelernt, sich möglichst unauffällig zu verhalten und sich gegebenenfalls in ihre Träume und Vorstellungen zurückzuziehen.

Typischerweise haben Victims auch im Erwachsenenalter einen geringen Selbstwert, einige leben mit Ängsten oder Depressionen. Paradoxerweise fühlen sie sich laut den Yerkovichs häufig zu dominanten Persönlichkeiten hingezogen, weil diese sie an ihre Eltern erinnern – Stichwort “Menschen ziehen das Vertraute immer dem Fremden vor, selbst wenn es mit Schmerz verbunden ist”.

Victims verhalten sich in Beziehungen sehr passiv und lassen Dinge einfach geschehen. Läuft es lange Zeit sehr gut, entwickeln sie Ängste, weil sie jederzeit befürchten, dass es bald wieder knallt. Um eine gesunde und stabile Beziehung führen zu können, rät das Expertenpaar dem Victim, Selbstliebe empfinden zu lernen und für sich einzustehen, anstatt sich alles gefallen zu lassen.

3. The Controller

Controller haben sich als Kinder meist vernachlässigt und kaum behütet gefühlt. Sie mussten früh lernen, für sich selbst zu sorgen und unabhängig und tough zu sein.

Gefühle wie Angst, Unsicherheit und Hilflosigkeit versuchen Controller auch im Erwachsenenalter um jeden Preis zu vermeiden, denn nur so, glauben sie, können sie die Kontrolle behalten. Wut assoziieren Controller typischerweise nicht mit Verletzlichkeit, sondern sehen darin ein Mittel, sich stärker zu fühlen. Ihre Komfortzone verlassen Controller äußerst ungern, weil sie sich dann ausgeliefert und schutzlos fühlen. Und Probleme lösen sie am liebsten allein und auf ihre Weise.

In Beziehungen verhalten sich Controller laut den Yerkovichs sehr dominant und bevormundend, zudem kann es vorkommen, dass sie ihre*n Partner*in versuchen zu kontrollieren. Um eine gesunde Partnerschaft führen zu können, wäre es für Controller ratsam, dass sie lernen zu vertrauen, loszulassen und die eigene Wut in den Griff zu bekommen.

4. The Vacillator

Für Vacillator waren die eigenen Eltern in erster Linie unberechenbar. Grundsätzlich hatten Vacillator als Kinder nie das Gefühl, für ihre Eltern wichtig oder gar Priorität zu sein, im Gegenteil lebten sie mit der ständigen Angst, von ihnen im Stich gelassen zu werden.

Vacillator entwickeln typischerweise eine ausgeprägte Sehnsucht nach Liebe, von einer Beziehung wünschen sie sich Stabilität und Verlässlichkeit. Als Erwachsene neigen sie dazu, Liebe und Partnerschaft zu idealisieren. Deshalb bekommen sie bei kleinsten Konflikten und Schwierigkeiten Zweifel und Ängste. Außerdem tragen Vacillator meist schwere innere Kämpfe aus und erleben viel emotionalen Stress, da sie sehr sensibel sind und auch Kleinigkeiten tendenziell eine große Bedeutung zuschreiben.

Um stabile, gesunde Partnerschaften führen zu können, täte es diesem Liebestyp gut zu lernen, wie man Ruhe bewahrt und einer Beziehung Zeit gibt, sich auf natürliche Weise zu entwickeln. Es wäre besser für sie, einen Menschen erst einmal wirklich kennenzulernen und ihre Erwartungen im Zaum zu halten, anstatt sich vorschnell zu committen und am Ende mit hoher Wahrscheinlichkeit enttäuscht zu werden.

5. The Avoider

Avoider bekamen als Kinder von ihren Eltern vermittelt, dass Gefühle uns schwach machen und wir stets nach Unabhängigkeit streben sollten. Sie lernen früh, selbstständig zu sein und ihre Emotionen und Bedürfnisse zurückzustellen.

Als Erwachsene halten Avoider andere Menschen möglichst auf Distanz und verlassen sich mehr auf Logik und rationale Argumente als auf ihr Gefühl. Für sie gibt es kaum etwas Unbehaglicheres als die Stimmungsschwankungen ihrer Mitmenschen.

Um eine gesunde und stabile Beziehung führen zu können, empfiehlt das Therapeutenpaar dem Typ Avoider zu lernen, andere an sich heranzulassen und offen und ehrlich mit den eigenen Gefühlen umzugehen.

Natürlich ist jedes Modell, das Menschen in fünf Typen einteilt, eine starke Vereinfachung und Generalisierung. Auch sind direkte Rückschlüsse von Persönlichkeitsmerkmalen auf die Kindheit und Erziehung – oder umgekehrt – generell mit Vorsicht zu betrachten, da Menschen sehr unterschiedlich auf äußere Umstände und Voraussetzungen reagieren können. Dennoch können Modelle wie das von den Yerkovichs uns dabei helfen, uns und unser Verhalten zumindest teilweise besser zu verstehen und uns auf Muster aufmerksam machen, die es sich lohnen könnte aufzubrechen, um glücklicher und freier zu leben.

Die eigene Rolle finden? Gar nicht so einfach! Weder im Leben noch in der Beziehung. Aber welche Rollen kann ich in einer Partnerschaft überhaupt spielen?

Vor 90 Jahren gab’s noch relativ klare Regeln, was die Rollenverteilung in der Partnerschaft angeht: Der Mann trifft die wichtigen Entscheidungen, die Frau unterstützt ihn bei deren Umsetzung. Der Mann ist verantwortlich für den Lebensunterhalt, die Frau darf damit haushalten. Der Mann hat Bedürfnisse, die Frau erfüllt sie. Die Zeiten sind längst vorbei. Erstens ist es heute selbstverständlich, dass zu einer Beziehung genauso gut zwei Männer und zwei Frauen gehören können. Und zweitens haben die meisten mittlerweile erkannt, dass Mann und Frau gar nicht so unterschiedlich sind – und definitiv die gleichen Pflichten und Rechte haben !

Aber heißt das, dass es in einer Partnerschaft überhaupt keine Rollen und Rollenverteilung mehr gibt? Die eigene Rolle zu finden und sich mit dem Partner zu einigen, wer welchen Part übernimmt, ist dadurch nur umso wichtiger geworden – denn es entscheidet maßgeblich darüber, ob zwei Menschen zusammenpassen und glücklich miteinander werden können oder nicht.

Beziehungstherapeut Eric Hegmann: “Wir finden die Menschen interessant und attraktiv, die Rollen verkörpern, die wir gerade suchen. Wünsche ich mir vor allem Nähe, dann werde ich mich automatisch fürsorglicher verhalten und darin Erfüllung finden. Dadurch wirken dann aber auf mich Menschen mit starkem Bedürfnis nach Autonomie und Selbstbestimmung interessant, weil ich bei denen meine fürsorgliche Seite ausleben kann.”

Vor allem drei Rollenmodelle seien dem Therapeuten zufolge für die meisten Beziehungen prägend.

“Das Archetypen-Modell von C.G. Jung beschreibt eine ‘männliche’ Seite Animus und eine ‘weibliche’ Seite Anima. Übertragen auf ein heutiges Beziehungsmodell würde man mit Anima die fürsorglichen Aspekte meinen, die es für eine Beziehung benötigt. Mit Animus jene, die man als versorgend bezeichnen könnte. Jeder Mensch vereint Animus und Anima und für eine stabile Beziehung braucht es eine ausgewogene Mischung und Ergänzung dieser Anteile. Vereinfacht gesagt: Würden beide Partner ausschließlich versorgend agieren, fehlt rasch die liebevolle Verbindung zwischen ihnen. Wären sie beide nur liebevoll, wäre der Kühlschrank jeden Abend leer. Dieses Archetypen-Bild wirkt altmodisch, aber tatsächlich sind auch heute in Partnerschaften die Rollenverteilungen ganz genau so und lassen sich durchaus auf viele Beziehungsmodelle übertragen.”

“Eine ganz wichtige Rolle spielen Nähe und Distanz in Liebesbeziehungen und hier gibt es nahezu immer eine gewisse Forderungs-Rückzugs-Dynamik, die einem Partner die Rolle des Nähe Suchenden gibt und dem anderen die des Autonomie und Selbstbestimmung Suchenden. Das ist besonders tragend im Bereich Sexualität, denn dort bedeutet dies, dass alleine der Partner über Häufigkeit von Intimität bestimmt, der immer wieder zurückweist, er hat also Macht über Nähe und Distanz. Und nicht selten wird dies – auch unbewusst – genutzt für Dominanz.”

“Führen und führen lassen sind ebenfalls wichtige Rollen. Diese scheinen heute deutlich besser verhandelt zu werden zwischen Partnern als noch vor einigen Jahrzehnten. Sich nur führen zu lassen finden Partner heute in Beziehungen als wenig befriedigend. Hier ist sicher der zunehmende Wunsch nach Selbsterfüllung auch innerhalb einer Beziehung ein wichtiger Faktor. Für eine dauerhafte Beziehungszufriedenheit müssen beide Partner sicher sein, dass sie vielleicht nicht immer alle, aber doch immer wieder einige ihrer Bedürfnisse ganz und gar befriedigt bekommen, sonst verlieren sie mittel- und langfristig die Bereitschaft, in diese Partnerschaft zu investieren.”

Wer in einer Beziehung welche Rolle zu welchen Teilen ausfüllt, hat mit dem Geschlecht im Grunde  nichts  zu tun, sondern ist von der Persönlichkeit eines Menschen abhängig. Laut Hegmann werde die Rollenfindung insbesondere von unserem “Bindungsverhalten” geprägt und das sei bei den meisten tief im Charakter verwurzelt. Allerdings: “Je nach Beziehungserfahrung und je nach Partner zeigen Menschen auch andere Verhaltensweisen. Wer zum Beispiel einmal betrogen oder geghostet wurde, kann unbewusst Distanz schaffen, um nicht erneut verletzt zu werden und dabei von jemandem, der verstärkt Nähe sucht, zu jemandem wechseln, der Abstand halten will. Dies kann sich, muss aber nicht, belastend auf die Beziehung auswirken, denn das eigentliche Bedürfnis nach Nähe wird unterdrückt und irgendwann vermisst.”

Verwendete Quellen: howwelove.com, elephantjournal.com