Unsere frühen Erfahrungen prägen unser Denken, Fühlen und Verhalten. Aus den frühen Erfahrungen leiten wir innere Erwartungshaltungen darüber ab, wie wir selbst, die Welt und die anderen sind.

Nicht jede Erfahrung wirkt sich gleichermaßen prägend auf uns aus. Am einprägsamsten sind jene Erfahrungen, die mit einer hohen emotionalen Intensität einhergehen. Dies sind Erfahrungen, die eine besondere Bedeutung für uns haben und die mit intensiven Gefühlen einhergehen. Auch wenn sie nur ein einziges Mal auftreten, prägen sich emotional aufgeladene Erfahrungen massiv ein. Beispiele dafür wären: in der Schule vor der Klasse lächerlich gemacht zu werden, ein schwerer Unfall, aber auch positive Erfahrungen, wie etwas geschafft zu haben, das man lange ersehnte, oder die erste große Liebe.

Es gibt noch eine weitere Erfahrungsgruppe, die sich ebenfalls prägend auf uns auswirkt. Während wir uns der intensiven Erfahrungen meist bewusst sind, ist uns die zweite Erfahrungsgruppe häufig weniger bewusst. Es sind jene Erfahrungen, die sich in unserer Geschichte dauernd wiederholen. Der Vater, der immer genervt war und für uns nie Zeit hatte, weil er müde von der Arbeit nach Hause kam. Die Großmutter, die wir nur weinerlich kannten, oder die Mutter, die tröstend mit einem Teller Suppe in der Tür stand, wenn wir krank waren. Wiederholen sich Erfahrungen, benötigen sie keine intensiven Emotionen. Die ständige Wiederholung bewirkt, dass wir automatisch gewisse Reaktionsweisen von anderen erwarten. Mit der Zeit gehen wir davon aus, dass der Vater müde ist, die Oma jammert und die Mutter uns versorgt, wenn wir krank sind.

Unsere Erfahrungen schaffen eine Blaupause für unsere spätere Wahrnehmung von uns selbst, der Welt, wie den anderen. Schlussendlich formen unsere Erfahrungen unsere Wahrnehmung, unsere Art des Denkens, Fühlens, unsere Strategien, Muster und Reaktionen.

Haben wir beispielsweise häufig erlebt, dass wir von Personen abgelehnt wurden, fangen wir an eine Ablehnung zu erwarten. Üblicherweise verallgemeinern wir unsere Erwartungshaltung. So erwarten wir nicht nur von jenen Personen abgelehnt zu werden, die uns ablehnten, sondern gehen bei neuen Kontakte davon aus, dass wir abgelehnt werden, und versuchen uns vor weiteren Ablehnungen zu schützen. Wir gehen daher vorsichtig oder gar misstrauisch auf andere zu, sind verschlossen und ziehen uns bei jeder Kleinigkeit sofort zurück oder fangen an uns zu verteidigen und greifen den anderen an.

Haben wir hingegen immer wieder erlebt, dass andere uns freundlich begegnen, gehen wir gar nicht davon aus, dass uns neue Bekanntschaften ablehnen könnten. Weil wir keine Ablehnung erwarten, werden wir offen und freundlich auf andere Menschen zugehen.

Auf dieser unserer Erfahrungen entwickeln wir Erwartungen.

Nicht alle Erwartungen sind uns bewusst. Wir entwickeln

Wir lernen über Erfahrungen und Informationen. Bestenfalls stimmen unsere Erfahrungen mit den Informationen überein. Sie können aber auch davon abweichen. Informationen wie: „Jeder kann alles erreichen, wenn er sich nur ausreichend bemüht“, können auf uns zutreffen, oder auch nicht. Wird unser Bemühen von Erfolg gekrönt, stimmt diese Information für uns. Erleben wir aber, wie wir uns bemühen und dennoch das Ziel nicht erreichen, stimmt die Information nicht mit unserer Erfahrung überein. Dann gibt es da eine fremde Information und dort eine persönliche Erfahrung, die der Information widerspricht.

Manchmal wird die Erfahrung mit einer nicht dazu passenden Information vermischt.  Wenn die Mutter uns abwertet aber im selben Atemzug beteuert, wie sehr sie uns doch liebt, so passen ihre Worte nicht mit der verletzenden Erfahrung überein. Hier weicht die Information von unserer Erfahrung ab.

Information ist wichtig, die Erfahrung ist aber ausschlaggebend. Betrachten wir das Beispiel der Mutter, deren Worte nicht im Einklang mit ihren Taten stehen. Die natürliche Reaktion darauf wäre, der Information, also den Worten der Mutter, nicht zu glauben. In der Natur wird die Erfahrung höher gewichtet als die Information. Im Normalfall orientieren wir uns folglich an der Erfahrung. Daher ist es auch schwierig, uns mit positiven Sätzen zu motivieren, wenn diese nicht zu unserer bisherigen Erfahrung passen.

Manchmal wird die Information aber höher gewichtet als die Erfahrung. Dann blenden wir die negative Erfahrung mit der Mutter aus und ihre Liebe wird hervorgehoben. Lediglich in Ausnahmesituationen wird die Information höher gewichtet als die Erfahrung. Wenn beispielsweise ein positives Bild der Mutter für uns überlebenswichtig ist. Doch wir zahlen einen hohen Preis dafür und opfern unsere Wahrnehmung und unser Spüren.

Stimmen Information und Erfahrung nicht überein und vermischen wir sie, dann bauen wir eine ungünstige Verknüpfung auf. Dann glauben wir, dass Abwertung ein Ausdruck davon ist, dass wir wichtig sind und geliebt werden. Aus so einer Vermischung bauen wir eigenwillige Glaubenssätze auf wie: „Nur wer dich wirklich mag, wird dir deine Fehler aufzeigen“. Doch dieses Aufzeigen der „wahrgenommenen Fehler des anderen“ ist abwertend. Die Abwertung wird ausgeblendet und die helfende und unterstützende Motivation betont. Was zu einer Irritation führt – man merkt die Abwertung und darf sich nicht wehren, weil es ja gut gemeint war. Geschieht dies, verbinden wir zwei Themenbereiche miteinander, die nicht zusammengehören. Abwertung ist nie ein Ausdruck von Liebe oder gemocht werden, sondern einfach nur eine Abwertung.

Wiederholen sich unsere Erfahrungen, verfestigen sie sich und werden zu einer fixen Annahme. Unsere Vorstellungen und Erwartungen zeigen uns folglich auf, welche Erfahrungen wir bisher gemacht haben. Unsere Erwartungen entsprechen unseren bisherigen Erfahrungen, aber nicht unbedingt der Wirklichkeit.

Unsere frühen Erfahrungen schaffen eine Wiederholungstendenz, egal ob diese für uns günstig ist oder nicht. Frühe Erfahrungen können unterstützend für unser weiteres Leben sein. Haben wir in unserer Kindheit beispielsweise gelernt, dass andere für uns da waren, wenn wir sie brauchten, entwickeln wir ein Gefühl von Vertrauen. Später fällt es leicht, uns vertrauensvoll an anderen Menschen zu wenden oder um Unterstützung zu bitten. Haben wir gelernt, dass wir in der Lage sind, unsere Probleme zu lösen, dann erleben wir uns auch später als Gestalter unseres Lebens. In schwierigen Situationen gehen wir dann davon aus, dass wir etwas bewirken können und suchen daher aktiv nach einer Lösung.

Haben wir jedoch laufend die Erfahrung gemacht, dass keiner für uns da war, wenn es uns schlecht ging, so verallgemeinern wir auch diese Annahme. Später erwarten wir nicht, dass jemand für uns da ist oder sich für uns interessiert. Aufgrund dieser Annahme ziehen wir uns zurück, wenn es uns schlecht geht. Durch unseren Rückzug sieht aber keiner mehr, dass es uns schlecht geht und so bleiben wir auch in der gegenwärtigen Situation mit unserem Schmerz allein. Aufgrund unseres Verhaltens gelingt uns nicht mehr, neue Erfahrungen zu machen.

Wiederholen sich unsere Erfahrungen, prägen sie sich tief in unser Gehirn ein. Am Anfang gleicht unser Gehirn einer leeren Landkarte. Unsere Erfahrungen sind es, durch die auf unserer inneren Landkarte Wege und Straßen eingezeichnet und Verbindungen geschaffen werden. Eine einmalige, nicht sonderlich emotionsgeladene Erfahrung gleicht einem kleinen Trampelpfad, der rasch wieder verschwinden und zuwachsen kann. Wiederholen sich Erfahrungen, so wird die entsprechende Spur aber immer wieder benützt und aus dem Trampelpfad wird eine betonierte Autobahn. Haben wir einmal so eine innere Autobahn geschaffen, ist es schwierig, sie wieder zu verlassen oder gar zu verändern.

Die Psyche und der Körper sind auf Effizienz ausgerichtet. Es wäre nicht effizient, immer ständig alles neu erlernen zu müssen. Haben wir einmal gehen oder lesen gelernt, ist es günstig, wenn wir diese Fähigkeiten auch weiterhin abrufen können. Doch so wie wir später automatisch gehen oder lesen, so geht es uns auch mit unseren psychischen Mustern. Erwartungen oder Muster sind vertraute Reaktionsweisen, die automatisch abgerufen werden. Wo wir Gewohnheiten aufgebaut haben, reagieren wir immer gleich. Wir reagieren automatisch so, wie wir gelernt haben zu reagieren, egal ob unsere Reaktion zur gegenwärtigen Situation passt oder nicht. Wir wiederholen unsere gewohnten Erfahrungen, was dazu führt, dass wir uns in diesen Bereichen nicht mehr weiterentwickeln.

Vom Kindheits- zum Beziehungstrauma

Ein Trauma ist immer eine Form der Verletzung, welche auf einer körperlichen und/oder psychischen Ebene stattfindet.

Bei manchen kommt es aufgrund von Gegebenheiten, äußeren Umständen oder fremden Personen zu einer Traumatisierung. Beispiele sind Kriegserfahrungen, Naturkatastrophen, Unfälle, Vergewaltigung, schwere körperliche Erkrankungen.

Doch bei einigen Menschen passiert die Traumatisierung nicht aufgrund von Umständen oder außerhalb sondern in der Familie. Dies sind Kinder, die in nahen Beziehungen emotional vernachlässigt, körperlich oder sexuell misshandelt werden.

Ein Trauma, das von nahen Bezugspersonen verursacht wird, hat schlimmere Auswirkungen als ein Trauma, das durch fremde Personen ausgelöst wird. Denn zusätzlich zur traumatischen Erfahrung geschieht eine massive Verletzung auf der Beziehungsebene. Der Täter gehört ja zu jenem Personenkreis, der dass Kinder eigentlich schützen, ihm Sicherheit, Geborgenheit und Halt geben sollte.

Dabei ist der Schutz durch die eigene Familie so wichtig für unsere Entwicklung. Es ist die Quelle unseres Sicherheitsempfindens und die Ausgangsbasis für unsere weitere Entfaltung. Es ist die Basis für das Urvertrauen, aus der sich eine innere Selbstsicherheit so wie eine Offenheit für Beziehungen und die Welt ergeben. Finden in nahen Beziehungen schwere Traumatisierungen statt, sind all diese Bereiche beeinträchtigt.  Die Bezugsperson bot keinen ausreichend sicheren Hafen, um eine gute Entwicklung starten zu können. Statt eine Quelle des Schutzes und der Sicherheit wurde sie zu einer Quelle des Schmerzes und Leidens.

Zu glauben, dass solche kindlichen Traumatisierungen keine Auswirkung auf die spätere Beziehungsfähigkeit und die daraus resultierende Beziehungsgestaltung haben, wäre fatal. Frühe traumatische Erfahrungen in nahen Beziehungen haben massive Auswirkungen auf die späteren Beziehungen dieses Menschen.

Wird das kindliche Trauma nicht aufgearbeitet, ist die Wahrscheinlichkeit extrem hoch, dass sich die frühe Beziehungstraumatisierung in gewisser Form in späteren Beziehungen wiederholt.

Dann tut Liebe weh und es entstehen erneut Traumatisierungen in Beziehungen.

 Wird das Trauma nicht aufgelöst, wird es weitergegeben. Die frühkindliche Traumatisierung kann auch auf emotionaler Ebene weitergereicht werden. Solche Traumatisierungen wirken in das emotionale Empfinden des Partners ein.

Frau S. liebte ihren Freund, doch was sie in der Beziehung mit ihm erlebte war für sie nicht nachvollziehbar und verstehbar. Noch nie hatte sie einen Mann kennen gelernt, wo so viel Nähe und Zuneigung möglich war. Sie fühlte sich ihm unsagbar nahe und vertraut. Umso schlimmer und unvorstellbarer war der Bruch, der folgte. Zuerst war da innige Nähe und Verbundenheit, doch irgendwann war er nicht mehr erreichbar und meldete sich nicht mehr. Er verschwand aus ihrem Leben als wäre nie etwas zwischen ihnen gewesen.
Sie kannte sich nicht aus. Ihr Verstand ratterte: Hatte sie was falsch gemacht?
Immer wieder ließ sie die letzte Begegnung Revue passieren. „Was hatte sie verpasst? War etwas vorgefallen, das sie ignoriert hatte?“ Wie intensiv sie auch analysierte und nachdachte, sie konnte einfach keine Erklärung für sein Verhalten finden. Nach einiger Zeit kam er reumütig und um Verzeihung bittend zurück. Er übernahm die alleinige Verantwortung für sein Verhalten und schien wirklich einsichtig zu sein. Sie gab ihm noch eine Chance, ohne zu ahnen, dass sich das Drama bald wiederholen würde. Er eroberte sie zurück und sie vertraute ihm erneut. Doch seine Einsicht änderte nichts an seinem Verhalten. Abermals verschwand er nach kurzer Zeit.  Der Beziehungsabbruch war extrem schmerzhaft für Frau S. Sie konnte nicht verstehen, dass der Mann der ihr laufend beteuerte, dass er sie über alles liebte, sich ihr gegenüber so verletzend verhalten konnte. Doch sie liebte ihn und nahm ihn das nächste Mal wieder voller Hoffnung auf. Aber jedes Mal wurde die Liebe ein bisschen weniger. Obwohl sie extrem litt, erzählte sie ihrem Freundeskreis schon lange nichts mehr. Wer würde sie denn noch verstehen?  Alle rieten ihr dazu, diesen Mann in die Wüste zu schicken, aber sie konnte einfach nicht.
In dieser Beziehung verschwindet der Mann plötzlich real aus dem Leben der Frau und lässt sie alleine und im Ungewissen stehen. Es kommt zu einem vollständigen Beziehungsabbruch. Nicht immer müssen Kontaktabbrüche so massiv sein, dass der andere wirklich völlig aus dem Leben verschwindet. Aber auch wenn der Partner innerlich abwesend ist, bleiben wir allein zurück und werden aus der Beziehung geworfen.

Scheinbar hatte Herr H. seine Partnerin wohl gerade verletzt. Er hatte aber keine Ahnung was er ihr angetan hatte oder was los war. Immer wieder versuchte Herr H. auf sie zuzugehen, mit ihr zu reden. Doch sie war völlig unnahbar und kalt. Ihr Blick schien ihn nicht wahrzunehmen. In solchen Momenten war sie ihm völlig fremd. Was auch immer er versuchte, er konnte sie nicht erreichen. Nach einiger Zeit kam sie aus diesem Zustand wieder heraus und erst dann gelang es ihm wieder in Kontakt mit ihr kommen. Solche Situationen wiederholten sich. Sie machten ihn völlig ohnmächtig und verunsicherten ihn. Er begann sich ebenfalls zu schützen und sich emotional zunehmend zu distanzieren.

Warum verletzt man sich in Beziehungen?

Warum verhalten sich erwachsene Menschen so dermaßen verletzend in Beziehungen?

Nicht jede Verletzung in der Beziehung muss gleich so dramatisch und traumatisch sein. Oftmals geschehen kleinere Verletzungen einfach aus einer Aggression oder Kränkung heraus, die jedoch noch keine traumatisierende Wirkung in der Beziehung entfalten.

Wie in der Herkunftsfamilie so ist auch die partnerschaftliche Beziehung bestenfalls ein Ort des Vertrauens und der Sicherheit. Natürlich auch mit Konflikten, die sich ergeben, aber lösbar sind. Doch wenn man von Anfang an keine „heile Beziehungserfahrung“ erleben durfte, entwickelt man im Beziehungsbereich Defizite. Dabei kann die Kindheitsgeschichte nicht eins zu eins ins Erwachsenenleben übertragen werden. Denn neben den familiären Bezugspersonen gibt es noch Freunde, Lehrer, Verwandte, Tiere, Natur, usw. wo wir auch positive Beziehungserfahrungen machen können und eine Erweiterung unseres Beziehungsbildes möglich wird.

In den genannten Beispielen finden wir beim Verursacher jedoch in der Kindheit eine schwere Verletzung oder Traumatisierung durch eine nahestehenden Bezugsperson wieder. Diese Aussage dient zur Erklärung, heißt dieses Verhalten aber nicht gut.

Ihre Beziehungsgestaltung gleicht einer Wiederholung der frühkindlichen Trauma-Situation. In der ursprünglichen Ausgangssituation hat eine geliebte Bezugsperson dem Kind massive Verwundungen und Verletzungen zugefügt.

Man muss verstehen, dass ein Mensch, der in seiner Kindheit von einer nahen Bezugsperson traumatisiert wurde, nicht nur diese eine Traumatisierung erlitten hat (wie körperlicher, emotionaler oder sexueller Missbrauch). Die Traumatisierung geht tiefer. Sie hat in einer nahen Beziehung stattgefunden und damit zu einer generellen Beziehungstraumatisierung geführt.

Es ist etwas anderes, wenn ein Trauma außerhalb der Familie passiert und das Kind dann in eine heile Familie zurückkehren kann. Dort Sicherheit, Geborgenheit und Trost erfährt. Es kann das Trauma aufarbeiten. Lernt dass Beziehungen dennoch sicher sein und Schutz geben können.

Doch wenn die schutzgebende und tröstende Person zum Täter wird, findet keine Aufarbeitung oder Entlastung statt. Genau dort, wo das Kind sicher sein sollte, da ist der Täter oder Feind.

Ein Kind kann nicht ohne eine „gute innere Welt“ überleben. Also muss es das „Böse“, das in Wahrheit geschieht, abspalten. Wie könnte es sich sonst mit diesem/dieser „furchtbaren Täterperson“ psychisch weiter entwickeln. Es würde verrückt werden. Das gute Bild würde von den Grausamkeiten der schlechten Erfahrungen völlig zerstört werden. Damit wäre das Überleben des Kindes gefährdet.

So entsteht ein innerer Raum für die guten Erinnerungen, wo alles gut ist, so wie ein Platz für die schlechten Erinnerungen, wo alles schlecht ist. Es bauen sich zwei getrennte innere Erfahrungswelten auf, die meist wenig bis keine bewusste Verbindung zueinander besitzen. Dies ist die Basis für eine spätere gut und böse Trennung oder Opfer- und Täterkonstellation.

In den Paarbeziehungen werden unsere früheren Beziehungserfahrungen erneut aktiviert.  In diesem Fall wiederholt das „traumatisierte Kind im Erwachsenen“ seine frühen Beziehungserfahrungen  in der aktuellen Beziehung.

Nur dieses Mal wird es selbst zum Verursacher und/oder Gestalter des „kindlich  erfahrenen Leidens“. Der Partner bekommt den erlebten Schmerz zu spüren. Psychisch betrachtet ist diese Re-Inszenierung, ein Versuch, das erlebte Trauma aufzuarbeiten und zu integrieren.

In der Realität findet jedoch leider häufig keine Integration statt sondern nur eine Stagnation und stete Trauma-Wiederholung, welche beide Seiten zunehmend verletzt und zu keiner Lösung führt.

Warum man trotzdem durchhält?

Wieso halten Menschen solche massiven Verletzungen in ihren “Liebes”-Beziehungen aus?

Für die meisten Menschen ist verstehbar, dass sich ein Kind bei wiederholenden Verletzungen nicht wehren kann. Es kann nicht einfach gehen und seine Familie, die es zum überleben braucht, verlassen.

Aber wenn solche Verletzungen in erwachsenen Beziehungen passieren, hört das Verständnis bald auf. Anfangs finden diese Menschen zwar noch ein Verständnis im Umfeld, mit der Zeit nimmt dies jedoch immer mehr ab. Von außen betrachtet ist es nicht nachvollziehbar, warum jemand, der erwachsen ist, in einer verletzenden oder gar zerstörerischen Beziehung bleibt. Man ist nicht mehr existenziell abhängig wie ein kleines Kind. Warum geht dieser Mensch nicht einfach?

Dazu müssen wir verstehen was in solchen Beziehungen passiert, ohne den jeweiligen Opfern die völlige Schuld für ihr Verhalten zu geben. Wenn jemand nicht geht, muss es auch einen Grund dafür geben.

Die bisherige Erfahrung in der Praxis zeigt, dass die Partner häufig eine eigene Geschichte des psychischen Schmerzes haben. Vorwiegend Erfahrungen des eigenen Ungeliebtseins und der Verlassenheit. Dies führt dazu, dass ähnliche Signale in späteren Beziehungen häufig nicht erkannt und teilweise sogar ausgeblendet werden.

In der nahen Beziehung werden die frühkindlichen Erfahrungen erneut aktiviert. Dabei zeichnet sich ein Unterschied ab, denn die traumatischen Erfahrungen werden nicht in allen Beziehungen aktiviert. Traumatisierte Menschen können sehr wohl funktionale Beziehungen eingehen. Primär zu Menschen die ihnen nicht wirklich nahe kommen, wie Bekannte, Freunde, Arbeitskollegen, aber auch Partner wo keine sehr nahe emotionale Bindung vorhanden ist. Erst in emotional nahen Beziehungen, in Liebesbeziehungen, wird die frühe Beziehungstraumatisierung aktiviert. In solchen Partnerschaften passiert folgendes: Es baut sich eine extrem intensive, nahe und vertraute Beziehungsform auf. Erst auf diesem „sicheren Boden“ entfaltet sich die volle Wirkung der Beziehungstraumatisierung. Ohne diesen „sicheren Boden“ kommt es normalerweise nicht so weit.  Jeder Mensch der nicht emotional involviert ist, wird sich bereits bei den ersten verletzenden Tendenzen sehr rasch verabschieden.
Die massive emotionale Bindung in der Beziehung ist bereits der erste Teil der Wiederholung der Trauma-Geschichte. In so einer Beziehung hat das Trauma stattgefunden und dort wiederholt es sich. Durch die emotionale Nähe entkommt der Partner kaum mehr. Wie das traumatisierte Kind ist der Partner jetzt an den Ablauf dieses Geschehens gebunden. Aus so einer intensiven Bindung entkommt man nur schwer. Meist ist dem Partner durchaus klar und zugänglich, dass diese Beziehungsform ungünstig ist. Mental würden sie sofort gehen, aber emotional hängen sie fest.

Was passiert wenn der Partner Bekanntschaft macht mit der “verletzten und verletzenden Nähe” des anderen? In einer Beziehung, in der wir Liebe, Sicherheit und Geborgenheit erwarten geschieht etwas “nicht vorstellbares, nicht fassbares und nicht verstehbares”. Wir werden in einer Form verletzt, welche wir uns nicht vorstellen können und vor allem welche wir nie erwarten würden. Als Partner machen wir die Erfahrung wie zerstörerisch Liebe gelebt werden kann. Denn hier sind wir in einer „verzerrten“ Form der Liebe und Beziehung gelandet. Den frühkindlichen Schmerz des verletzten Menschen bekommt jetzt der Partner in voller Wucht zu spüren. Das, was der „Verletzte selbst nicht spüren kann“, wird in der Beziehung aufgezeigt und spürbar gemacht.

Der „liebende Partner“ als Quelle des Schmerzes

Auswirkungen: Wenn der „eigentlich liebende Partner“ zur Quelle des Schmerzes wird

Ist der andere selbst verletzt, wird die eigene Geschichte ebenfalls aktiviert. Dann begegnen sich zwei verletzte Menschen.

Üblicherweise enthält das innere Wissen über Beziehungen jedoch keine so extrem verletzenden Inhalte wie bei Beziehungstraumatisierten. Solch ein zerstörerisches Verhalten kommt in einer normalen Beziehungsvorstellung nicht vor. Tritt dann eine solche Erfahrung ein,  landet der Mensch in einen Zustand der völligen Fassungslosigkeit. Dies bedeutet, dass die unabsehbare Wucht, mit der dieses unbegreifliche Verhalten eintritt, den Partner anfangs schockt und lähmt. Haben wir niemals solche Erfahrungen gemacht, sind wir auf derartige Situationen in keinster Weise vorbereitet. Deswegen können wir nicht damit umgehen, sind nicht in der Lage, die Situation zu lösen. Auch in späteren Wiederholungen tritt häufig erneut dieser Schockzustand des „Unfassbaren“ auf. Bis wir uns, wie früher das traumatisierte Kind, auch an solche Zustände zu gewöhnen beginnen.

Sich wiederholende traumatische Beziehungserfahrungen rufen im Partner ähnliche Zustände hervor, wie damals im traumatisierten Kind. Nicht nur das Trauma, auch die Trauma-Reaktionen, wiederholen sich. So beginnt der Partner ebenfalls die guten und schlechten Anteile in der Beziehung getrennt zu halten. Würde beides gleichzeitig da sein, würde auch hier „das Schlechte“ die gefühlte Zuneigung völlig zerstören. Meist führt auch hier die „Wortlosigkeit“ über dieses Verhalten zu einem „Schweigen nach außen“. Der Mensch versucht, den negativen Erfahrungen irgendwie zu entkommen, beginnt zeitweise damit auch, die Schuld bei sich zu suchen. Um die Situation auszuhalten „erkalten“ wir emotional, verschließen uns zunehmend vor anderen Menschen, geben die Hoffnung auf, verlieren unser Vertrauen, usw.
Das größte Problem ist, dass die Trauma-Wiederholung nicht nur auf der Seite des Verursachers stattfindet, sondern der Partner ebenfalls in dieser Wiederholungsdynamik gezogen wird. Das erfahrene frühere Beziehungstrauma breitet sich in der jetzigen Beziehung in beiden aus.

Wie wir uns selbst weh tun

Manchmal tun wir uns selbst in der Beziehung weh.

Wenn sich jemand in einer Liebesbeziehung extrem verletzend verhält, ist es naheliegend, dass diese Person selbst in ihren ersten Beziehungserfahrungen ziemlich verletzt worden ist.

Eine kindliche Traumatisierung auf der Beziehungsebene hat Auswirkungen auf spätere Beziehungen. In den späteren Beziehungen wird unbewußt auf der Beziehungsebene  eine Opfer-Täter-Konstellation aufgebaut. Der Traumatisierte kann dabei entweder in die Opfer- oder Täterrolle geraten.

Wenn der Partner die Täterrolle bekommt, wird er nicht mit dem erfahrenen Schmerz direkt konfrontiert. Dann fällt der Traumatisierte, wie in der Kindheit, in die Opferposition hinein und durchlebt erneut den vertrauten Schmerz.

Im Grunde war Herr F. einfach nur ein netter Kerl. Er hat dies auch immer sein müssen. Seine Mutter war hilflos, schwach und laufend krank. Bereits in seiner Kindheit kümmerte sich Herr F. um sie. Er lernte für den „schwachen Anderen“ alles zu tun . Dabei ging es nie um ihn. Nie wurde er gesehen oder anerkannt oder für sein Tun geliebt. Ohne sich dessen bewusst zu sein, wiederholt Herr F. bis heute sein Verhalten. Mittlerweile jedoch nicht mehr mit seiner Mutter, denn von der hat er sich distanziert. Jetzt sucht er sich hilflose, schwache Partnerinnen, für die er jedes Mal alles tut. Die Geschichte verläuft immer gleich. Anfangs sind die Partnerinnen froh, aber irgendwann sind sie ihm nicht mehr dafür dankbar, dass er ihnen hilft, sondern werden sogar vorwurfsvoll. Da sich nichts verändert, naht das Ende und die Beziehung scheitert.

Die Kindheitserfahrung hat sich wiederholt. Egal wie viel er tut, für ihn wird nichts getan und er wird nicht gesehen oder geschätzt.

Herr F. ist ein Beispiel dafür, dass sich negative kindliche Beziehungserfahrungen nicht nur negativ auf den Partner auswirken und diesem Schmerzen zufügen. Wird die traumatische Beziehungsgestaltung nicht gelöst, werden beide in ihrer Weiterentwicklung behindert.

Die Liebe selbst ist nie verletzend, der Mensch schon. Wenn uns also die Liebe verletzt, ist es günstig, einmal näher hinzuschauen, was da wirklich passiert.

Auslöser einer traumatischen Reaktion in einer Beziehung

Eine traumatische Reaktion in der Beziehung kann ausgelöst werden, wenn jemand, der traumatisiert ist,

  • auf eine Situation trifft, die Ähnlichkeiten mit der ursprünglichen Trauma-Situation hat. Die „empfundene Ähnlichkeit“ bedeutet noch nicht, dass die aktuelle Situation erneut traumatisierend ist, sondern dass Elemente des ursprünglich erfahrenen Traumas in dieser Situation wahrgenommen oder hineininterpretiert werden.
  • in Empfindungen landet, die mit dem ursprünglichen Trauma einhergingen, wie Gefühle von Ohnmacht, Enge, Hilflosigkeit, Übergriffigkeit, Angst, Aggression oder Vernichtung.

Ist das ursprüngliche Trauma nicht gelöst, können solche Situationen ein erfahrenes Trauma reaktivieren. Die Erinnerung an das erlebte Trauma wird angestoßen und der Betroffene zeigt eine traumatische Reaktion.

Der Beginn der traumatischen Dynamik

Der Traumatisierte fällt aus dem gegenwärtigen Kontakt in ein Trauma-Erleben. Innerlich erscheint alles so wie in der ursprünglichen traumatisierenden Situation. Ähnliche Gedanken und Gefühle sowie damit einhergehende Körperempfindungen werden ausgelöst. Der Körper ist angespannt, oft sogar im Panikmodus. Das Trauma-Erleben flutet die Psyche und den Körper. Selten ist das traumatische Überfluten sofort dem Trauma zuzuordnen, wie konkrete Erinnerungen oder ein innerer Film über eine Trauma-Sequenz. Oftmals kommt es lediglich zu diffusen emotionalen und körperlichen Zuständen. Wurde ein Trauma aktiviert, überschattet dies die gegenwärtige Situation. Der Traumatisierte reagiert nicht mehr auf die jetzige Begegnung sondern auf die ursprüngliche „traumatische Begegnung“. Die Wahrnehmung wird von der traumatischen Erfahrung beherrscht. Nicht dazu passende Informationen oder Signale werden ausgeblendet. In solchen Momenten sehen Traumatisierte den anderen kaum mehr, sie nehmen den „bekannten Täter“ im anderen wahr. Jemand, der ihnen nichts Gutes will, vor dem sie sich schützen müssen. Sie selbst erleben sich als Opfer, das sich – wie in der ursprünglichen traumatischen Situation – nicht wehren kann und dem Geschehen ohnmächtig ausgeliefert ist.

In einer Beziehung mit einer traumatisierten Person gibt es Phasen, in denen die Trauma-Erfahrung nicht ausgelöst wird. Kein Trauma ist ständig aktiviert. In diesen Zeiträumen kann eine Beziehung durchaus nah sein. Wirkt die Trauma-Spur, wird die Wahrnehmung wie das Verhalten des Betroffenen vom ursprünglichen Trauma eingeschränkt. Die Person kann auf viele ihrer sonstigen Fähigkeiten und Ressourcen nicht mehr zurückgreifen.

Doch woran können Betroffene oder deren Partner/in erkennen, dass sie sich gerade in einer traumatischen Dynamik innerhalb ihrer Beziehung befinden? Für Traumatisierte ist dies oft schwer zu erkennen. Ihre Wahrnehmung, ihr Denken, Fühlen sowie Körperempfinden wird vom ursprünglichen traumatischen Erleben beeinflusst. Oft nehmen sie den Wechsel selbst nicht wahr. Für deren Partner (mit Partner ist immer der Partner des Traumatisierten gemeint) ist die traumatische Dynamik in der Beziehung ebenfalls nicht leicht zu erkennen. Vor allem wenn sie nichts vom Trauma wissen, der Betroffene vielleicht selbst nichts davon weiß. Dann kennen sie sich nicht aus, wissen nicht wie ihnen geschieht oder was gerade los ist.

In der Begegnung lassen sich durchaus Anzeichen finden, die auf eine traumatische Beziehungsgestaltung hinweisen:

  • Das Verhalten des Traumatisierten ist nicht nachvollziehbar. Der Partner bekommt mit, dass der andere in einer Form reagiert, die in keinem Verhältnis zu „dem, was gerade ist“ steht. Der Partner kann die Reaktion des Traumatisierten nicht nachvollziehen und spürt, dass er den anderen nicht mehr erreichen kann.
  • In der traumatischen Dynamik gibt es stets eine Opfer-Täter-Konstellation. Einer ist das Opfer, der andere der Täter. Üblicherweise fällt der Traumatisierte in die Opferhaltung, der Partner wird somit automatisch zum Täter. Obwohl sich der Partner meist hilflos dem Verhalten des Traumatisierten ausgeliefert fühlt, wird er in der Situation von diesem als Täter erlebt.
Die vorgegebene Opfer-Täter-Rollenvergabe schränkt die Handlungsmöglichkeiten auf beiden Seiten massiv ein. Beide reagieren mit Kampf, Aggression, Flucht oder Totstellen.

Kampf

  • Selten und meist nur zu Beginn der Beziehung lässt sich ein Kampfmodus beim Partner finden. Dieser kämpft um die gegenwärtige Begegnung, die jeweilige Wahrheit, den anderen, um die Beziehung. Üblicherweise wird der Kampf relativ rasch aufgegeben. Der Partner macht die Erfahrung, dass es in diesen Momenten völlig sinnlos ist, um die Beziehung, um den anderen zu kämpfen. Zu kämpfen ist nicht erfolgreich, sondern führt nur dazu, dass sich die zugeschriebene Position des Täters verfestigt.
  • Der Traumatisierte kämpft normalerweise nicht. Vor allem wenn das Trauma-Erleben ausgelöst wird, befindet er sich in einer ohnmächtigen Opferposition und fühlt sich dem Geschehen hilflos ausgeliefert. In Sequenzen, in denen sich der Traumatisierte jedoch in die Enge getrieben oder angegriffen fühlt, wird es für ihn existentiell bedrohlich und eine entsprechende Angst taucht in ihm auf. Dann kann der Traumatisierte schlagartig vom Opfer zum Täter werden und den Partner angreifen. Das Verhalten des Traumatisierten kann nun extrem verletzend werden. Der Traumatisierte kämpft nicht mehr darum, in der Situation Recht zu behalten oder den Streit zu gewinnen, er kämpft ums psychische Überleben. Im gefühlten Überlebenskampf fallen viele Hemmungen weg.

Aggression

  • Der Partner wird wütend auf das Verhalten des Traumatisierten, darauf, dass sich solche Situationen wiederholen und nicht veränderbar sind. Die Wut oder Aggression ist nicht primär als feindlich anzusehen, obwohl sie vom Traumatisierten so erlebt wird. In ihrer Aggression wollen die Partner eigentlich Beziehung. Sie spüren, dass der andere nicht mehr in Kontakt mit ihnen ist und wollen ihn noch irgendwie erreichen, zumindest irgendeine Reaktion erzwingen. Schlussendlich wird die Wut häufig aufgegeben. In der Wut erlebt sich der Partner aktiv als Täter – der auf den Traumatisierten, der sich beispielsweise windet oder wie ein verprügelter Hund zu ihm aufsieht, auch noch „verbal“ einprügelt und die Situation dadurch verschlimmert.
  • Der Traumatisierte zeigt in seinem Beziehungsverhalten – den Verbalattacken, dem ablehnenden Verhalten oder Fluchtimpulsen – durchaus ein ziemliches Ausmaß an Aggression, erlebt dies jedoch selbst in der Situation nicht als Aggression. Wird die Trauma-Erfahrung reaktiviert, ist alles innerlich in Aufruhr und der Traumatisierte versucht nur noch, sich in der Situation zu schützen und zu retten. Sein zeitweise doch sehr aggressives Verhalten wird vom Traumatisierten weniger als Aggression sondern als notwendiger Schutz vor einer existentiellen Bedrohung erlebt.

Fluchtimpulse

  • In der traumatischen Dynamik wird die Beziehung als extrem verletzend und schmerzhaft erlebt. Fluchtimpulse werden ausgelöst, der Partner möchte diesen Gefühlen entkommen, der Situation entfliehen. Oft gehen Fluchtimpulse mit einem – zumindest angedachten – Beziehungsabbruch einher.
  • Der Traumatisierte zeigt meist intensive Fluchtimpulse und möchte der Beziehung, dem Partner, dem Leben mit all seinen Schwierigkeiten entfliehen. Häufig finden konkrete Beziehungsabbrüche statt. Der Traumatisierte droht mit dem Verlassen oder geht und meldet sich nicht mehr.
  • Üblicherweise ist es nur eine Frage der Zeit, bis auch der Partner in einem Opferstatus landet. Die traumatische Dynamik wiederholt sich und damit wiederholen sich auch solche Situationen. Auch wenn der Partner anfangs bemüht ist, um die Beziehung kämpft und alles tut, um keinen Auslöser für diese Dynamik zu bieten, irgendwann ist jeder von den sich wiederholenden existenziellen Beziehungskämpfen erschöpft. Die Beziehungserschöpfung führt in einen Opferstatus. Im Opfermodus kommt der Partner in jene Position, in welcher sich der Traumatisierte „damals, als das Trauma geschah“ befunden hat.
Opfer in der Beziehung zu sein, ist gekennzeichnet durch:
– Aushalten. Das, was gerade ist, aushalten und über sich ergehen lassen.
– Verletzungen wiederholen sich, ohne dass man sich davor schützen kann.
– Sich hilflos dieser Dynamik gegenüber erleben, sich ohnmächtig und dem Geschehen ausgeliefert fühlen.
– Ratlos sein, nicht mehr wissen, was man noch tun kann, wie man die Situation mitgestalten oder verändern könnte.
– Es gibt lediglich die Möglichkeit abzuwarten, bis die Situation vorübergeht.
  • Der Traumatisierte erlebt sich in solchen Situationen selbst in so einem Opferstatus und bemerkt nicht, dass er es ist, der gerade die Beziehung in dieser Form gestaltet.

Die ständige Wiederholung

So wie sich das Traumageschehen im Traumatisierten wiederholt, wiederholt sich auch die traumatische Dynamik in der Partnerschaft. Der Partner erfährt, wie er/sie gnadenlos scheitert. Egal was er macht, die traumatische Wiederholung in der Beziehung ist nicht zu durchbrechen. Hierin gründet schlussendlich die Opferhaltung. Alle Versuche etwas zu verändern, scheitern, so bleibt nur noch ein Aushalten und die Sache über sich ergehen lassen.

Der Partner versucht keine traumatische Dynamik auszulösen

Häufig fühlen sich die Partner verantwortlich für das Ausagieren des Traumatisierten, oft wird ihnen sogar die Schuld dafür gegeben. Viele versuchen sich so zu verhalten, dass sie diese Dynamik umgehen und nicht auslösen. Dies ist ein ziemlich erfolgloses Unterfangen. Bereits Kleinigkeiten oder äußere Umstände können Gefühle auslösen, die den Betroffenen in die traumatische Spur werfen. Existiert eine traumatische Dynamik in der Beziehung, ist es nur eine Frage der Zeit, bis sie das nächste Mal ausgelöst wird.

Wenn der Traumatisierte zum Täter im Beziehungsgeschehen wird

Entkommt der Betroffene seiner Trauma-Erinnerung, fällt er häufig auch aus der Opferrolle. Wird dem Traumatisierten dann bewusst, wie er sich gegenüber dem Partner verhalten hat, wie er den Partner mit seinem Verhalten verletzt hat, katapultiert ihn dies häufig in eine Täterposition.
So wie sie nur schwer dem Opferdasein entkommen, entkommen sie auch nur schwer der Täterrolle.  Die eigene Täterschaft wiegt dermaßen schwer, dass sie oft keinen Ausweg finden. Daher schaffen sie es häufig nicht, sich beim Partner zu entschuldigen oder ein reparierendes Verhalten in der Beziehung zu zeigen. Damit wiederholen sie in der aktuellen Beziehung ihre traumatische Beziehungserfahrung. Es kommt zu einer zwischenmenschlichen Verletzung. Der Verantwortliche oder Täter übernimmt aber keine Verantwortung dafür. Es erfolgt keine Wiedergutmachung oder Beziehungsreparatur.  So wie es dem Traumatisierten damals erging, ergeht es nun dem Partner: Der Verletzte bleibt mit seiner Verletzung allein, ungesehen, wird weder getröstet noch versorgt. Wirkt eine traumatische Dynamik in der Beziehung, entstehen Verletzungen, die nicht heilen können.

Der gedrohte Beziehungsabbruch

Oftmals wird die Verletzung in der Beziehung vom Traumatisierten sogar noch verschlimmert. Nimmt der Traumatisierte wahr, wie sehr er den Partner/die Partnerin verletzt hat, fühlt er sich ziemlich schlecht. In Phasen, wo das Trauma nicht aktiv ist, erkennen Traumatisierte ihr Mitwirken sehr wohl und meinen, dem andere würde es besser gehen ohne sie. Nachdem sie erkennen, dass sie selbst die Dynamik nicht verändern können, erscheint ein Beziehungsabbruch die einzige Lösung zu sein.
Neben der Verletzung droht dem Partner dann auch noch ein Verlassen-werden, also eine weitere und neuerliche Verletzung.

Erkennen hilft in der traumatischen Dynamik anfangs nur wenig

Die traumatische Dynamik wiederholt sich in den Beziehungen. Der Traumatisierte würde sich durchaus wünschen, dass sich so ein Verhalten nicht erneut zeigt, scheitert aber mit seinen Bemühungen.
Auch wenn ein Erkennen bzw. eine Einsicht stattgefunden hat, bedeutet dies noch nicht, dass er die traumatische Spur verlassen kann. Solange sich jemand nicht im Trauma-Erleben befindet, hat er sein volles Verhaltensspektrum zur Verfügung. Sobald jemand jedoch im Trauma-Erleben landet, ist seine Wahrnehmung, sein Empfinden sowie sein Verhalten eingeschränkt. Das Erkannte und seine Versprechungen, sich zu ändern, sind wie weggeblasen, jegliches Wissen vergessen. Erneut überschattet die traumatische Erfahrung alles Weitere. Erkennen ist der erste Schritt zur Veränderung. Doch nach dem Erkennen beginnen erst die kleinen Schritte der tatsächlichen Veränderung. Es braucht ein Erlernen von Selbstberuhigungstechniken, ein Erwerben eines Realitätskontaktes, ein Umlernen des bisherigen Verhalten, ein anderes Reagieren auf die eigenen Gefühle und Gedankenmuster. Der Weg aus der Trauma-Erfahrung braucht einige Zeit.

Sein Verhalten nicht verändern zu können, immer wieder dieselbe Erfahrung zu machen, den Menschen, den man eigentlich liebt, zutiefst zu verletzen, all dies bringt den Traumatisierten durchaus in eine tiefe Verzweiflung.

Nur selten wird diese Verzweiflung für den Partner sichtbar. Die meisten Traumatisierten haben gelernt, ihre Verzweiflung, so wie andere – meist negative – Gefühle, zu verbergen. Diese werden hinter einer distanzierten Kälte versteckt. Obwohl das Geschehen den Traumatisierten nicht kalt lässt, wirkt es auf den Partner genau so. Der Partner sieht nicht die verborgenen Gefühle, sondern bekommt nur die distanzierte Kälte zu spüren. Somit erlebt der Partner nicht nur die Verletzung in der Beziehung, sondern auch noch eine große emotionale Distanz und scheinbare Gleichgültigkeit von Seiten des Traumatisierten.
Wiederholt sich die traumatische Dynamik, kommt es zu einer Beziehungstraumatisierung des Partners

Nachdem sich das Trauma in Beziehungen wiederholt, erlebt der Partner, wie er selbst zunehmend in ein traumatisches Beziehungsgeschehen hineingezogen wird. Im Grunde wird der Partner ebenfalls auf der Beziehungsebene traumatisiert. Wird ein Trauma nicht aufgelöst, wirkt es durch die traumatische Beziehungsgestaltung höchst ansteckend in der Beziehung. Nun wird der Partner zum Opfer des traumatischen Geschehens, welches reinszeniert und an ihm ausgetragen wird.

Eine traumatische Beziehungsgestaltung hat immense Auswirkungen. Für beide ist es fast unmöglich, den daraus resultierenden Beziehungsverletzungen zu entkommen. Ist die ursprüngliche Traumatisierung in einer Beziehung passiert, braucht es die Erfahrung einer heilsamen Beziehung, um die traumatische Beziehungserfahrung zu integrieren und aufzulösen. Das kann ein Partner, der emotional involviert und selbst immer wieder von der traumatischen Dynamik unmittelbar betroffen ist, nicht leisten. Die traumatische Dynamik braucht eine therapeutische Beziehung und begleitende Unterstützung um diese zu verstehen, zu bearbeiten, aufzulockern und im günstigsten Fall zu lösen.

©  Mag. Brigitte Fuchs