Wenn wir uns nicht als reines Bewusstsein erfahren, sondern uns mit Vorstellungen über uns selbst identifizieren, erleben wir uns als Ego-Bewusstsein. Wir unterscheiden dann nicht zwischen unserem Selbst und unseren Gedanken über uns Selbst, sondern setzen uns mit ihnen gleich und verschmelzen mit ihnen. Wir halten uns für etwas, das unsere Gedankenbeschreiben und erleben uns durch sie. Unser Bewusstsein ist so in ihnen versunken (mit ihnen identifiziert), dass wir uns nicht mehr als unser wirkliches Selbst erfahren, sondern als aus unterschiedlichen Gedanken zusammengesetztes Bild einer Person, an das wir glauben-ohne dass uns das bewusst ist.

Wir entwickeln unser Ego-Bewusstsein in frühster Kindheit unbewusst, indem wir feste Vorstellungen und Urteile über uns selbst und unsere Mitwelt übernehmen und entwickeln, sie als Wirklichkeit akzeptieren und uns mit ihnen identifizieren. Was richtig ist, was falsch, gut und schlecht, wer wir sind und was wir werden sollen, welche Bedingungen wir erfüllen müssen, um lebens -und liebenswert zu sein, an welchem Bezugssystem wir uns orientieren und wie wir Wahrheit erkennen. Dies dient unserer Bedürfnis-Erfüllung: wir sind als noch unselbständige junge Wesen von unserem direkten Beziehungsumfeld abhängig. Indem wir dessen Vorstellungen, Sichtweisen, Urteile und Bedingungen übernehmen, sorgen wir dafür, als Teil der Gemeinschaft angenommen, versorgt und geschützt zu werden. Sie werden zu unseren Grundstrategien, mit denen wir unser Bedürfnis nach Sicherheit zu erfüllen versuchen.

Da die meisten Menschen ständig bewerten und urteilen und ihre Weltsicht und Sprache auf diesen festen Bewertungen und Urteilen beruht, übernehmen wir bewusst und unbewusst diese Haltung und Art des Kontaktes mit uns selbst und unserer Mitwelt.

Durch unsere Urteile frieren wir Lebendigkeit ein. Wir vereinfachen uns damit eine komplexe Wirklichkeit und schaffen uns eine unlebendige, starre Welt, um erlernte, feste Gedanken-Konzepte und Strategien nutzen und erhalten zu können, die mit einer komplexen, lebendigen, sich verändernden Welt überfordert sind. Das kann für uns ein Weg sein, mit intensiven, unangenehmen und schmerzvollen Gefühlen umzugehen. Wir passen uns an die Vorstellungen, Überzeugungen, Glaubenssätze und Bedingungen unserer Bezugsgruppe an, was für unsere Lebenserhaltung, Sicherheit und Wohlergehen sorgen soll. Allerdings ist die Lebendigkeit und Veränderlichkeit des Lebens und der Welt auf Dauer nicht vereinbar mit festen Ansichten, Bewertungen und Urteilen. Wir können entweder diese Urteile loslassen und lernen, lebendig mit der Welt in Kontakt zu sein, oder wir übernehmen und erschaffen immer mehr eigene, feste Bilder, mit denen wir diese Lebendigkeit einfrieren und zu kontrollieren versuchen. Je mehr unser Selbstbild und damit unsere existentielle Sicherheit an feste Vorstellungen über uns und unsere Mitwelt geknüpft ist, umso mehr fühlen wir uns von wirklicher Lebendigkeit, Veränderungen, empathischem, nicht urteilendem Wahrnehmen, Stille, Leere und Nicht-Wissen bedroht.

Bestimmte feste Überzeugungen und Glaubenssätze, werden zum Ursprung unseres Selbstbildes und unserer Weltanschauung. Durch die Identifikation mit ihnen setzen wir sie unbewusst mit unserer Existenz selbst gleich. Deshalb müssen die Bilder von uns selbst und unserer Mitwelt und die Strategien, mit denen wir unsere Bedürfnisse erfüllen, mit ihnen vereinbar sein. Sie sind für uns existenzielle Grundwahrheiten, an denen wir uns bewusst und unbewusst orientieren. Es ist für uns bedrohlich und wir verurteilen und bekämpfen, was sie in Frage stellt oder nicht mit ihnen vereinbar scheint.

Da wir nicht lebendig mit der Wirklichkeit verbunden sind, fehlt uns ein lebendiges Orientierungssystem und wir können uns nur an übernommenen Vorstellungen orientieren, deren Ursprung das Grund-Sicherheits-Konzept ist, das wir übernommen haben. Da dieses auf bestimmten Vorstellungen und Urteilen beruht, deren Quelle bestimmte Personen oder Gruppierungen sind, können wir von diesen Personen oder Gruppierungen abhängig sein. Sie können uns kontrollieren und manipulieren, ohne dass wir uns dessen bewusst werden. Wir sind unfrei und abhängig vom Wohlwollen anderer. Dieses Grund-Sicherheits-Konzept kann beispielsweise die Vorstellung von einem Gott sein, der für unsere Sicherheit und unser Wohlergehen sorgt (wofür bestimmte Bedingungen erfüllt werden müssen, über die bestimmte Menschen oder Gruppierungen die Deutungshoheit besitzen), die Vorstellung, dass nur wahr ist und Sicherheit gibt, was „wissenschaftlich“ bewiesen wurde und wir möglichst viel Wissen anhäufen müssen, oder dass wir bestimmte Eigenschaften und Leistungen erbringen müssen, um lebens- und liebenswert zu sein.

Unsere Identifikation mit festen Vor-stellungen und Urteilen führt dazu, dass wir von unserer eigenen Lebendigkeit und der Lebendigkeit unserer Mitwelt getrennt werden. Wir erleben uns als abgetrennte, nicht verbundene Wesen, die erst bestimmte Bedingungen erfüllen müssen, um Frieden, Liebe und Lebendigkeit zu erfahren. Da uns dies unter diesen Bedingungen nur für Momente möglich ist, kämpfen wir unser Leben lang dafür, diese Bedingungen herzustellen. Und da die meisten Menschen so geprägt wurden, kommt es unweigerlich zu Konflikten und Kämpfen um die „richtigen“ Strategien.

Da die Quelle von Liebe und Lebendigkeit in uns selbst blockiert ist, versuchen wir Ersatz im Außen zu schaffen, wodurch all die Probleme entstehen, mit denen wir in unserer Welt und unserem Leben konfrontiert werden: Befriedigung der empfundenen Leere durch unterschiedlichste Formen des Konsums von Waren und Dienstleistungen (mit den damit verbundenen Folgen), der Projektion unserer inneren Probleme und deren Ursache nach Außen, und dem Kampf und den Erhalt der Grund-Sicherheits-Konzepte, die das Selbst- und Weltbild bilden und zur Existenzsicherung erhalten und gegen andere, sie scheinbar bedrohende verteidigt werden müssen-im Kleinen und Privaten wie im Großen Globalen.

Wir haben ein Grund-Glaubenssystem angenommen, nämlich das des Urteilens und der Identifikation mit einem bestimmten Selbst- und Weltbild- einer Person. Auch wenn die Probleme, die aus dieser Identifikation und dem Urteilen entstehen, sehr verschieden sind, ist doch die Grundursache die gleiche. Welche Probleme entstehen, wird durch weitere Einflüsse wie der Art und Stärke der Identifikation, den Lebensbedingungen und -erfahrungen usw. bestimmt. Dadurch sind wir auf unterster Ebene „selbst“ Teil des die Probleme verursachenden Systems in unserer Welt. Um sie zu lösen, müssten wir die Vorstellung unseres Selbst als einer Person loslassen. Für ein mit Gedanken identifiziertes Bewusstsein, das sich selbst als diese Person hält-das Ende unserer Existenz. Solange wir das nicht tun, sind wir Teil eines sich selbst erhaltenden Systems. All die Glaubenssysteme und Weltanschauungen, über die wir miteinander in Konflikt geraten, sind nur ablenkende Erscheinungen an der Oberfläche dieses grundlegenden Glaubenssystems, mit dem wir uns alle identifiziert haben.

Eine Haupteigenschaft des Egos ist es, sein aus unterschiedlichen Gedanken bestehendes Selbstbild aufrecht zu erhalten und damit seine Existenz zu bewahren. Deshalb müssen Egos nicht unbedingt offen ego-istisch oder ego-zentrisch auftreten: Menschen mit großen Egos können auch Menschen sein, die besonders gut und weiterentwickelt sein wollen und sich betont nett und selbstlos verhalten.

Wenn wir heranwachsen, lernen wir uns immer selbständiger um unsere Bedürfnisse zu kümmern und sind in einer gesunden, freien Mitwelt auch in der Lage, unser Bezugsgruppe zu verlassen und andere Sichtweisen kennenzulernen. Dadurch können wir nach und nach unsere Sicht auf uns und unsere Mitwelt verändern und damit unsers Überlebens-Strategien, an die wir unser Bedürfnis nach Sicherheit knüpfen. Meist ersetzen wir diese aber nur durch andere Gedankenkonzepte. Die Identifikation können wir erst dann loslassen, wenn wir eine Quelle außerhalb dieses Systems gefunden haben, also eine Quelle von Sicherheit, die nicht an Gedankenkonzepte gebunden ist.